Sie zeigten, wie es geht: Katharina Mayer und Magnus Kaindl tanzten stundenlang. © Götzfried
Bei Kerzenschein sitzen Besucher am frühen Morgen beim Kocherlball am Chinesischen Turm und genießen die besondere Atmosphäre bei diesem Fest. © Uwe Lein
Um sechs Uhr morgens eine Mega-Party zu feiern, ist exotisch. Doch dieses Fest ist der Renner seit 1989: Immer am dritten Sonntag im Juli kommen tausende Münchner und Auswärtige zum Kocherlball. Das Traditionsfest am Chinesischen Turm, im 19. Jahrhundert gefeiert vom Küchen- und Hauspersonal der herrschaftlichen Häuser, ist die Flirtmeile schlechthin – und ein grandioser Tanzboden. Gestern früh ging trotz Regenschauern wieder mächtig die Post ab.
„Es sind rund 12.000 Leute gekommen“, freute sich Toni Beer, Geschäftsführer bei Haberl Gastronomie, schon um halb sieben. „Vor allem die Jungen zwischen 20 und 40 kommen zu den Tanzkursen vorher. Sie schätzen die traditionelle Musik und Kultur.“
Hauptsache beim Kocherlball ist nicht das Bier, das in Strömen fließt (die Menge ist geheim) oder Kulinarisches wie Bauernbrot mit Ochsenmett und Schmand, sondern das, was Tanzmeisterin Katharina Mayer und Vortänzer Magnus Kaindl auf der Bühne vormachen: Landler im Dreivierteltakt, Boarischer Tanz oder Münchner Française. Nichts ist besser geeignet als Volkstänze, um sich kennenzulernen.
So wie die Teenager Valeria Laino aus Pasing und Jonas Herzog aus Fürstenfeldbruck, beide 17. „Die gute Laune hier ist toll“, finden sie, „und dass es dieses Fest schon so lange gibt. Alle sind zusammen und haben Spaß. Tanzen muss man nicht können, nur auf die Tanzmeisterin hören.“ Oder die Erwachsenen Brigitte Pfab aus Dachau und Sepp Singer aus Landsberg. „Sie hat mich so gezogen, ich hab’ nimmer gewusst, wo ich bin“, sagt Sepp, „es hat auf der Tanzfläche geraucht!“
Kabarettistin Luise Kinseher, ebenfalls unter den Gästen, freute sich mit Stadträtin Anja Berger (Grüne) über die Symbolkraft des Fests. „Es gibt kein besseres Sinnbild für Frieden und Einigkeit, als wenn Menschen zum Tanzen zusammenkommen“, meinte sie. Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne), die mit ihrem besten Freund kam, stellte fest: „Der Kocherlball ist nicht für die Großkopferten, sondern für die Leute, die die ganze Arbeit machen.“ Sie tanze selbst gerne und gehe dabei in der Menge unter. „Da kann man am besten mitschwingen.“ Clemens Baumgärtner (CSU) ließ die Familie ausschlafen, kam alleine und griff erst einmal nach einem Kaffee. „Ich bin erstaunt, dass der Ball jedes Jahr voller und beliebter wird“, sagte er, „das ist hier ein richtiger Sehnsuchtsort.“ Pankraz Freiherr von Freyberg (82), der 80er-Jahre-Initiator des neuen Kocherlballs, hatte allen Grund, glücklich auf sein Werk zu blicken. „Ich bin zufrieden, wenn ich mir den Ball heute anschaue“, sagte er. „Es ist ein Idyll.“I. WINKLBAUER