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MÜNCHNER FREIHEIT

Wiesn-Gaudi zum Nulltarif

Auch wenn der alljährliche Wirbel um den Wiesn-Bierpreis eher ein Ritual ist als eine ernst zu nehmende Debatte: Ein Besuch auf der Wiesn geht ins Geld. Egal, ob im Festzelt, am Souvenirstandl oder in den Fahrgeschäften: Die Betreiber sind Unternehmer, die das internationale Interesse am Oktoberfest in klingende Münze umsetzen. Dennoch gibt es auf der Wiesn noch Belustigungen, die man gratis genießen darf. Man muss beim Bummel durch die Schaustellerstraße nur den Blick von den blinkenden, lärmenden Fahrgeschäften lösen und die Gäste beobachten. Da gibt es Romanzen, Dramen und Slapstick-Episoden, mit denen sich Abende im Trash-TV füllen ließen.

Zum Aufwärmen empfiehlt sich ein Halt an einem der wilderen Fahrgeschäfte. Schon die Wilde Maus kann ausreichen, in Folteranlagen wie dem Predator liegt die Trefferquote aber höher. Gesucht wird zunächst ein Paar mit ungleichen Ausgangsinteressen: Er, von der ersten oder zweiten Mass mit grenzenlosem Selbstvertrauen gesegnet, überredet sie, deren Blick ein wenig besorgt über die wirbelnde Stahlkonstruktion mit den kreischenden Menschen streicht, zu einer Fahrt. Ihm steht dabei ein Hintergedanke ins Gesicht geschrieben, so deutlich, dass der Rausch sich noch zurückhält und nur die Augen ein ganz klein wenig glasig werden lässt: Er will sich seiner Herzensdame im wirbelnden Chaos als Fels in der Brandung empfehlen. Man beobachte dieses Paar nun bis zum Einstieg und warte dann am Ausgang. Mit etwas Glück wird man Zeuge eines dramatischen Szenenwechsels: Das Paar kommt heraus. Sie mit einem begeisterten Grinsen im Gesicht, an ihrem Arm ein Häufchen Elend, dessen einziger Trost es ist, wieder halbwegs festen Boden unter den Füßen zu spüren.

Nach diesem Einblick in das komplizierte Miteinander der Geschlechter ist es Zeit für noch tiefer reichende Sozialstudien. Kaum irgendwo geht das besser als am „Hau den Lukas“, wo Schlag für Schlag nicht nur der Schlitten nach oben, sondern auch gstandene Mannsbilder zurück in die Pubertät katapultiert werden. Vordergründig vergleichen die überwiegend männlichen Kunden hier Kraft und Treffsicherheit. In Wahrheit vergleichen sie dasselbe wie seit 15 oder 20 Jahren. Oder noch länger.

Es dauert nur ein paar Minuten, bis eine Gruppe von vier Männern auftaucht. Der erste, vielleicht Ende 40, muskulös und durchtrainiert, greift siegessicher nach dem Hammer. Drei Schläge dengeln ihn in die harte Wirklichkeit zurück: Zwei gehen daneben, der dritte bringt den Frosch gerade einmal auf halbe Höhe. Um die Schmach perfekt zu machen, lässt sein Spezl mit drei gezielten Rundschlägen dreimal die Glocke bimmeln. Es kommt wohl doch eher auf die Technik an als auf die Länge – Verzeihung: Muskelmasse. Der dritte setzt noch eins drauf und wuchtet den schweren Hammer einarmig empor: Drei Volltreffer. Man beginnt, Mitleid mit dem glücklosen Ersten in der Runde zu haben – bis Kandidat vier vortritt. Auch er will – Ehrensache – den Job einarmig erledigen, ist aber nicht ganz so gut ausgestattet wie sein Vorgänger, rein muskulär betrachtet. Er nimmt Schwung, hat aber das Gewicht des Hammers dann doch ein bisserl unterschätzt. Kurz vor dem Hochpunkt jedenfalls droht das Teil auszubrechen, und er muss eilig mit der zweiten Hand zugreifen. Das Feixen seiner Spezl zeigt: Dass er danach immerhin noch zwei Volltreffer landet, reicht nicht zur Ehrenrettung.

All das gibt’s kostenlos, und dazu noch den Duft gebrannter Mandeln, die unvergleichliche Jahrmarkt-Geräuschkulisse und ein Wimmelbild mit allen nur erdenklichen Kleidungsstilen, wie es Ali Mitgutsch nicht schöner hätte zaubern können. Hand aufs Herz: Nach so viel Gratis-Genuss fällt der Preis für eine Mass und ein halbes Hendl doch kaum mehr ins Gewicht. Prost!

redaktion@ovb.net

Freitag, 2. Oktober 2026
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