München – „Wir sind total aufgebracht über das, was am Sonntag passiert ist“, sagt Pau Escofet. Der 41-Jährige arbeitet in München als Projektmanager und sieht eine rote Linie überschritten. „Es kann doch nicht sein, dass die Polizei gegen friedliche Menschen vorgeht, die einfach nur über die Zukunft ihres Landes abstimmen wollen!“
Was Escofet meint: Bei einem umstrittenen und von der Justiz verbotenen Referendum hatte am Sonntag eine deutliche Mehrheit der Wähler für die Abspaltung der Region Katalanien von Spanien gestimmt. Die spanische Zentralregierung unter dem konservativen Ministerpräsident Manuel Rajoy aber setzt auf Härte, griff mithilfe der Polizei rigoros durch. Doch auch die Separatisten geben nicht bei, wollen bald die Unabhängigkeit ausrufen.
Helena Zorita Millan hat die Geschehnisse am Sonntag hautnah miterlebt. Die 27-Jährige Informatikstudentin ist extra für das Referendum in ihre Heimatstadt Terrassa gereist. „Die Stimmung war angespannt, bereits in der Früh standen die Menschen Schlange vor dem Wahllokal“, berichtet die junge Frau. Sie harrte den ganzen Tag im Abstimmungslokal aus um die Wahlurne zu bewachen. Zwar hatten die Wahlhelfer Angst vor Übergriffen durch die Polizei, gleichzeitig erlebten sie aber auch eine große Solidarität. „Die Nachbarn haben uns essen vorbeigebracht, dieser Gemeinsinn hat mich beeindruckt“, sagt die 27-Jährige.
Ebenfalls vor Ort war der Münchner Hans-Ulrich Käufl, dessen katalanische Schwiegermutter hatte ihn gebeten, auf ihr Wahllokal in Barcelona aufzupassen. „Eine Woche zuvor habe ich noch die Bundestagswahl ausgezählt“, sagt der Physiker.
In Barcelona ließ Käufl sich am Vorabend der Wahl im Abstimmungslokal einschließen, damit die Abstimmung nicht sabotiert werden konnte.
Um zu verstehen, wie sehr der Konflikt viele Katalanen bewegt, muss man den Blick zurück in die Geschichte werfen. „Es ist wieder ein wenig so wie in der Zeit unter Franco“, meint Zorita Millan. Von der hat ihre Mutter ihr erzählt, auch damals ging die spanische Militärpolizei hart gegen die aufsässige katalanische Bevölkerung vor. „Spanien behandelt uns wie eine Kolonie“, ärgert sich Alba Montserrat Tarin. Die 33-jährige Journalistin engagiert sich im katalanischen Kulturverein in München und ist entsetzt darüber, dass die EU sich nicht zu einer klaren Haltung durchringen kann. „Wie kann es sein, dass ein EU-Staat die Militärpolizei gegen das eigene Volk einsetzt“, fragt sie sich. Es gehe ihr weniger um die Unabhängigkeit Kataloniens, sondern um „die Menschenrechte“.
Doch nicht nur Katalanen demonstrieren in München. Damiano Di Muro etwa ist Halbitaliener. Durch seine Begeisterung für exotische Sprachen ist er auf die Idee gekommen, katalanisch zu lernen und hat sich mit der Geschichte des Landes auseinandergesetzt. Jetzt steht der 25-jährige Student in eine Unabhängigkeitsflagge gehüllt auf dem Marienplatz. „Das ist kein Stammtisch-Nationalismus“, sagt Di Muro. „Die Katalanen versuchen vielmehr, ihre eigene Kultur zu schützen.“ Er sieht die kaum aufgearbeitete Franco-Diktatur als tiefere Ursache für den Konflikt.
Und dann ist da – unter all den Katalanen – auch noch eine Spanierin. Maria Estevez war ebenfalls geschockt über die gewalttätige Reaktion auf das Referendum. Die 30-jährige Übersetzerin will ein Zeichen setzen. „Wenn unsere Regierungen schon keinen Dialog hinkriegen, dann müssen wir normalen Leute es eben machen“, sagt Estevez.