Srebrenica/Den Haag – Für gewöhnlich ist es ruhig auf dem Friedhof, an dem alle Begrabenen in derselben Woche starben. Nur einmal im Jahr, am 12. Juli, kommen sie in Srebrenica an den unzähligen weißen Kreuzen zusammen, um an den schlimmsten Massenmord der jüngeren europäischen Geschichte zu erinnern – mit mehr als 8000 toten Buben und Männern, deportiert, misshandelt und erschossen. Dieses Jahr ist eine Ausnahme. Srebrenica bekommt nach der Gedenkfeier im Juli in der kommenden Woche ein zweites Mal viel Aufmerksamkeit. Diesmal sogar von der ganzen Welt.
Am Mittwoch wird das letzte Urteil des UN-Tribunals zu dem Völkermord fallen, 22 Jahre nach dem Massaker. Für den Chefankläger Serge Brammertz wird das ein historischer Tag: Es deutet alles darauf hin, dass der serbische Ex-General Ratko Mladic, 75, genannt „Schlächter vom Balkan“, verurteilt wird.
Srebrenica ist das traurige Symbol des Bosnienkriegs, in dem zwischen 1992 und 1995 mehr als 100 000 Menschen starben und Millionen vertrieben wurden. Allein bei der 44-monatigen Belagerung von Sarajevo wurden mindestens 10 000 Menschen getötet, dazu die 8000 in Srebrenica. Bosnien-Herzegowina hat sich bis heute nicht von dem ethnischen Konflikt erholt, die Erinnerungen des Kriegs schweben über allem. Es ist unfassbar, dass nach dem Zweiten Weltkrieg auf europäischem Boden wieder so ein Verbrechen geschehen konnte – unter den Augen einer UN-Blauhelm-Beobachtermission.
Der politisch Verantwortliche, Radovan Karadzic, wurde 2016 in erster Instanz zu 40 Jahren Haft verurteilt. Ex-General Mladic, militärisch verantwortlich, erwartet wohl lebenslange Haft. Zu groß ist die Beweislast, zu schrecklich sind die Verbrechen.
Wo früher die Blauhelme stationiert waren, informieren sich heute Reisegruppen über die Gräueltaten. In der Gedenkstätte neben dem Friedhof sind Brillen in Schaukästen zu sehen, die die Flüchtenden kurz vor ihrer Exekution verloren. Geldbeutel und Passfotos. Ein Film zeigt, wie Soldaten drei Männer vor sich in die Knie pressen, ein paar Schritte zurückgehen und abdrückten. Ein Mann überlebte das Massaker nur, weil er sich tot stellte und unter den Leichenbergen verbarg. Noch heute sind nicht alle Leichen gefunden, sie verteilen sich auf viele Massengräber. Das sollte die Tat vertuschen. Erst im Dezember 2015 wurde ein Grab entdeckt – unter einer Mülldeponie.
Der Völkermord und die Vertreibung der bosnischen Muslime mit dem zynischen Begriff „ethnische Säuberung“ waren Teil einer Kampagne, ein Groß-Serbien zu schaffen. Der jugoslawische Ex-Staatspräsident Slobodan Milosevic war dafür mitverantwortlich. Er starb 2006 vor einem Urteil an einem Herzinfarkt.
Helfen die Prozesse bei der Aufarbeitung? Chefankläger Serge Brammertz schüttelt den Kopf. „Es gibt immer noch Politiker in Serbien, die den Genozid leugnen. Wie soll es da jemals zu einer Aussöhnung kommen?“ Serbien tut sich schwer mit seinem Erbe. Ausgangspunkt ist Ratko Mladic: Bis heute gilt er in weiten Teilen der Bevölkerung als Kriegsheld, der seine Landsleute in Bosnien vor dem Untergang habe bewahren wollen. T-Shirts mit seinem Konterfei gibt es in vielen Souve-nirläden Belgrads zu kaufen. Das kleine Serbien habe einer „Weltverschwörung“ unter Führung Deutschlands, Österreichs und des Vatikans Widerstand geleistet – so lautet das verworrene Weltbild.
Das UN-Tribunal in Den Haag ist für Serbien eines der größten Feindbilder. Das Gericht habe einseitig gegen Serbien gearbeitet, sagte kürzlich Regierungschefin Ana Brnabic in Belgrad. Damit habe es nicht zur Versöhnung, sondern zur Verschärfung der Konflikte beigetragen.
Aber nicht nur auf dem Balkan, auch für die Vereinten Nationen bleibt Srebrenica eine offene Wunde. Die Staatengemeinschaft hatte den Völkermord nicht verhindert, niederländische UN-Blauhelmsoldaten hatten sich in Srebrenica den Truppen von Mladic kampflos ergeben. Kurz nach der Einnahme des Ortes hatten sich der bullige General Mladic und der niederländische Kommandant mit Schnapsgläsern zugeprostet. Das Foto von dieser Szene ging 1995 als Bild der Schande um die Welt.