Washington – Beim prunkvollen ersten Staatsdinner des US-Präsidenten am Dienstagabend spielten zu Ehren der Macrons Musiker der Nationaloper. Verkostet wurden in Anwesenheit von Prominenz wie Apple-CEO Tim Cook und Ex-Außenminister Henry Kissinger Ziegenkäse-Torte, Lammrücken und edle französische und amerikanische Weine. Es war der luxuriöse Höhepunkt einer dreitägigen Hofierung, die Donald Trump dem französischen Präsidentenpaar beim Staatsbesuch bereitete. Wenn morgen hingegen Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihren eintägigen Arbeitsbesuch im Weißen Haus eintrifft, wird man Pomp und Küsschen im Dutzend vergeblich suchen.
Die deutsche Regierungschefin darf zumindest auf jenen Händedruck hoffen, den ihr der US-Präsident im März letzten Jahres im Oval Office noch verweigert hatte. Angeblich habe Trump die „handshake!“-Rufe der Fotografen, die sich ein Foto der Freundlichkeit wünschten, nicht gehört, hieß es später in US-Regierungskreisen. Doch allein die Mimik Trumps sprach damals schon Bände: Seine Augen mieden Merkel die meiste Zeit, der Blick ging fast immer in Richtung der Medienvertreter. Kühle pur.
Monsieur Macron – 31 Jahre jünger als Trump – als neuer Lieblings-Europäer, Frau Merkel als strikter Business-Termin mit Quickie-Lunch ohne besondere Herzlichkeit. Für politische Beobachter in den USA steht diese Kluft vor allem für die rapide gesunkene Bedeutung Deutschlands in den transatlantischen Beziehungen. „Ich mag ihn wirklich“, hatte Trump inmitten der gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem nun wichtigsten Alliierten eingeworfen – eine für das Verhältnis bezeichnende höchst persönliche Wertung, die es so gegenüber der Bundeskanzlerin wohl nie geben wird.
Merkel werde vom US-Präsidenten vor allem als kühle und funktionale Figur gesehen, ließen Insider im Weißen Haus durchblicken. Der Besuch werde sicher nicht einfach, hatte Peter Beyer, nun als Koordinator der Bundesregierung für die transatlantische Zusammenarbeit tätig, kürzlich formuliert.
Unter Trumps Vorgänger Barack Obama war das noch anders. Merkel und Obama „konnten“ miteinander, obwohl der Ex-Präsident einst ihr Privat-Handy von der NSA belauschen ließ. Obama lobte später die Flüchtlingspolitik der deutschen Regierungschefin. Zudem schätzte er Insidern zufolge ihre wissenschaftlich-analytische Ruhe.
Doch diese alte Achse ist unter Trump zerbrochen, dessen impulsive Aussagen und legerer Umgang mit Fakten so gar nicht zum Charakter Merkels passen. Dazu kommen massive politische Differenzen. Die Entscheidung der Bundeskanzlerin, eine große Zahl von vor allem jungen männlichen Flüchtlingen ohne besondere Kontrollen einreisen zu lassen, hat Trump einst als „crazy“ („verrückt“) bezeichnet, während er gleichzeitig an seinen so umstrittenen Einreiseverboten für Muslime aus ausgesuchten Ländern festhielt. Zudem hat Trump immer wieder offen kritisiert, dass sich Berlin bei der Erhöhung der Verteidigungsausgaben Zeit lässt.
Bei der Ablehnung der vom US-Präsidenten angedrohten Strafzölle auf Autos und Stahlprodukte für den EU-Bereich liegt Merkel zwar mit Macron auf einer Linie. Doch als es kürzlich um die Abstrafung Syriens ging, war neben Großbritannien nur Frankreich Teil der Mini-Koalition der Willigen. Aus Berlin gab es nur warme Worte. Kein Wunder, dass Trump beim Staatsbesuch jetzt die Hilfestellung Macrons immer wieder in höchsten Tönen gelobt hat. Das Misstrauen Trumps gegenüber Merkel dürfte durch die deutsche Enthaltsamkeit nur noch gefördert worden sein.
Dennoch gehen Beobachter in Washington davon aus, dass die Kanzlerin mit kühlem Selbstbewusstsein auftreten und ihren Themenzettel abarbeiten wird. Jackson Janes, Präsident des „American Institute for Contemporary German Studies“ der John-Hopkins-Universität, sieht drei Punkte, die Merkel unbedingt mit Trump ansprechen sollte: die bilateralen Handelsbeziehungen, die Bedrohung durch chinesische Cyberattacken, die – auch von Macron angestoßene – Debatte zur Verbesserung des von der Kündigung bedrohten Iran-Atomabommen. „Nach dem peinlich-ungeschickten Treffen im März 2017 können sich Trump und Merkel eine zweite verpasste Chance, eine positive Agenda aufzubauen, nicht leisten,“ mahnte Janes gestern. Sprich: Macron hat vorgelegt, Merkel muss liefern.