Mainz – Wie stark der Gegenwind ist, dem die katholische Kirche derzeit ausgesetzt ist, durfte deren neuer oberster Repräsentant Georg Bätzing gestern hautnah zum Ende der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Mainz erfahren. Die Entscheidung der Bischöfe, den Missbrauchsopfern künftig individuelle Einmalzahlungen in Anlehnung an gerichtliche Schmerzensgeldzahlungen zwischen 5000 und 50 000 Euro zu zahlen, enttäuscht den Betroffenenverband schwer.
Eine unabhängige Expertenkommission hatte im Herbst den Bischöfen vorgeschlagen, den Opfern Entschädigungssummen von bis zu 400 000 Euro zu zahlen. Damit sollte auch abgegolten werden, dass viele Opfer durch die erlittenen Traumata Nachteile im späteren Berufsleben erlitten haben.
Bislang konnten Anträge für „Leistungen in Anerkennung des Leids“ gestellt werden und eine Zentrale Koordinierungsstelle (ZKS) sprach dann eine Empfehlung zur Höhe der Leistung aus. 2200 Missbrauchsopfer haben seit 2011 im Durchschnitt 5000 Euro erhalten. „Mit den neuen Grundsätzen nehmen wir Bischöfe unsere institutionelle Verantwortung noch einmal deutlicher wahr“, sagte Bätzing. In Einzelfällen seien auch höhere Zahlungen als 50 000 Euro möglich.
Aber die Diskrepanz zwischen der erhofften Summe und der nun gefundenen Regelung ist deutlich. „Ja, die Kluft besteht“, räumte Bätzing ein. „Wir können nur darauf vertrauen, dass die Argumentationslinie insgesamt verstanden werden kann.“
Die neuen Grundsätze sehen vor, dass zunächst die Täter für Zahlungen herangezogen werden sollen. Das Geld wird von den Bistümern und Orden auf ein zentrales Konto eingezahlt, von dem auch ausgezahlt wird. Jedes Bistum kann selbst entscheiden, ob es auf Kirchensteuermittel oder auf andere finanzielle Reserven zurückgreift.
Auch die neuen Grundsätze empören die Opfer-Vertreter. „Was für ein Versagen! Was für eine verpasste Chance!“, kritisierte der Sprecher der Organisation „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch. Die Kirche in Deutschland sei nicht bereit, für ihre Verbrechen die Verantwortung zu übernehmen und ihren Opfern eine Entschädigung anzubieten. Sie wolle lediglich Anerkennungsleistungen zahlen und orientiere sich dabei an den Tätern, die missbrauchten. „Das zweite Verbrechen des Versetzens, Vertuschens und Verschweigens, das von der Institution begangen wurde, will sie nicht wahrhaben“, ärgert er sich.
Die Initiative forderte die Katholiken indirekt auf, aus der Kirche auszutreten. „Wollen sie auch weiterhin eine Kirchenstruktur unterstützen mit ihren Beiträgen, die so offensichtlich am Geld klebt und ihre Opfer missachtet? Wollen sie auch weiterhin für das moralische Versagen ihrer Hirten in Mithaftung genommen werden?“