Der Druck auf Söder wächst

von Redaktion

Markus Söder beschwört den Weg der Vorsicht – und ärgert sich über jene Länder, die mit Corona-Lockerungen voranpreschen. Bevor auch Bayerns Kabinett heute über nächste Schritte berät, hat sich ein Minister in den Münchner Untergrund begeben.

VON MARCUS MÄCKLER

München – Spannend, wen man so alles in der U-Bahn trifft. „Herr Herrmann“, ruft eine Frau vom Bahnsteig aus in den offenen Waggon, zieht sich die Maske von der Nase und winkt. Bayerns Innenminister grüßt höflich zurück, schaltet dann aber pflichtbewusst in den Sheriff-Modus. „Hallo, bitte die Maske wieder aufsetzen.“ Die Dame gehorcht, Herrmann brummt gut hörbar: „Richtig so.“

Ein paar Stationen mit der U 6, von der Münchner Freiheit zum Marienplatz – das ist die Strecke, die der CSU-Politiker am Montagmittag zurücklegt. Eigentlich ist er kein großer U-Bahn-Fahrer, aber jetzt will er sich selbst davon überzeugen, wie gut oder schlecht die Leute die neuen Regeln befolgen. Sein Eindruck: sehr gut. Ein wenig mag dieser kleine Ausflug daher auch der Hinweis an die Kabinettskollegen sein: Die Leute sind diszipliniert – jetzt sollte ihnen die Politik entgegenkommen.

Gelegenheit dazu gäbe es schon heute: Bayerns Kabinett will den Fahrplan für weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen beschließen. Die brennendste aller Fragen ist die nach dem Wann? Wann dürfen die nächsten Schul-Jahrgänge in den Unterricht? Wann starten Kitas und Kindergärten den Betrieb? Wann dürfen Gastronomie und große Geschäfte wieder öffnen? Ja, sagt selbst der zögerliche Markus Söder (CSU) gestern, es sei Zeit für Erleichterungen. Bayern bleibe aber grundsätzlich bei seinem vorsichtigen Weg.

Andere haben es da deutlich eiliger – und erhöhen damit indirekt den Druck auf die Staatsregierung. Niedersachsen etwa kündigte an, Restaurants, Cafés und Biergärten schon ab Montag wieder öffnen zu lassen – ab 25. Mai sollen alle Schüler wieder zur Schule gehen. In Sachsen-Anhalt dürfen sich Bürger seit gestern wieder zu fünft in der Öffentlichkeit treffen. Und NRW, das Land des großen Lockerungs-Mahners Armin Laschet (CDU), droht mit einem Alleingang bei der Kita-Öffnung, wenn sich die Länderchefs und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrer Konferenz morgen nicht auf einen einheitlichen Kurs einigen.

Die gemeinsame Linie zerfleddert zusehends. Söder, der inzwischen als Bremser gilt, stört das gewaltig. Über das Vorpreschen anderer Länder sei er „ein bisschen unglücklich“, sagt er gestern. Als er selbst vor einigen Wochen die anderen Länder mit einer bayerischen Ausgangsbeschränkung überraschte, sah er das mit dem Vorpreschen noch nicht ganz so eng.

Dass die Maßnahmen künftig regional unterschiedlich ausfallen werden, zeichnet sich seit einigen Tagen ab. Auch Söder hat sich schon dafür ausgesprochen – der Druck aus den Kommunen wächst. Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD) regte zum Beispiel gestern an, in Gegenden mit günstigen Corona-Zahlen mehr Lockerungen zuzulassen als anderswo. In Fürth sei die Öffnung von Spielplätzen „ein Gebot der Stunde“.

Die Spielplätze werden bei der heutigen Kabinettssitzung übrigens ebenfalls Thema sein. Bund und Länder hatten sich am Donnerstag generell auf eine Öffnung geeinigt, aber keinen einheitlichen Zeitpunkt genannt. Söder sagte, vorher seien noch ein paar Fragen zur Ansteckungsgefahr zu klären.

Vorsicht ist gut – aber sie ist nicht alles. Am Marienplatz angekommen, schaut Joachim Herrmann noch beim Kaufhof vorbei, der – den Regeln folgend – seine Ladenfläche verkleinert hat. Auch hier sei alles tipptopp, meint der Minister und geht brav auf Abstand, als eine Frau nach Schokoeiern greift. „Der überwältigende Teil der Bürger respektiert die Regeln. Jetzt müssen wir aber schnell das Leben wieder voranbringen.“ Es klingt wie eine sehr dringende Bitte.

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