Söders Flehen: Jetzt oder nie

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München – Es sind seltene Momente, in denen man Markus Söder die Aufregung anmerkt. Bei seiner Wiederwahl auf dem Parteitag im Oktober 2019 war das mal so, da drückte der CSU-Chef sichtbar nervös auf dem Handy herum, bis das Ergebnis vorlag. Er bekam dann, je nach Zählweise, um die 90 Prozent, also recht prima. Heute besteht mal wieder Anlass zu Nervosität. Und sogar mehr als 2019.

Wieder Parteitag, wieder die Wahl des Vorsitzenden, die Lage ist aber düsterer. Drei Wochen vor der Bundestagswahl ist die CSU in Bayern bei zwei seriösen Umfrageinstituten auf 28, 29 Prozent abgerutscht. Das wäre ein CSU-Fiasko, historisch einzigartig. Für Söder ist die Lage vor dem zweitägigen Präsenzparteitag in der Nürnberger Messehalle extrem schwierig. Er muss sich heute Abend mitten in diesem Tief zur Wiederwahl stellen, zu Geschlossenheit aufrufen. Gleichzeitig möchte er klarmachen, dass die Hauptschuld nicht bei ihm liege, sondern beim CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet und dessen Zuckelwahlkampf. Aussprechen kann er das aber keinesfalls – sonst steht wieder überall etwas von Streit in der Union, und weil Laschet am Samstag selbst in Nürnberg auftritt.

„Es kommt jetzt nicht auf Stilnoten an. Wir müssen uns alle unterhaken“, verkündet Söder kurz vor dem Treffen. Das klingt beinahe flehentlich, und wer sich umhört in der Partei, vernimmt viel Frust und Hadern. Viele teilen die Analyse, dass mit Laschet der falsche Kandidat mit der falschen Strategie antritt. Es hat sich aber auch über Söder Groll gesammelt: sein grüner Kurs, seine Corona-Politik und seine Sticheleien nach der Laschet-Entscheidung verprellten jeweils unterschiedliche Grüppchen und Gruppen in der CSU.

Man werde auf dem Parteitag den Hintern zusammenkneifen und sich in Disziplin üben, sagt ein erfahrener Delegierter. Frust werde dann nach der Wahl abgeladen. Söder-Freunde wie -Zweifler rechnen mit einem Wiederwahl-Ergebnis von über 85 Prozent; auch für die Stellvertreter-Riege (Manfred Weber, Melanie Huml, Angelika Niebler, Dorothee Bär und neu Katrin Albsteiger). Söder wird in seiner Rede am Freitag noch mal die Angst vor einem Linksbündnis beschwören. „Jetzt ist klar: Rot, Grün und Linkspartei wollen miteinander“, sagt er im Vorfeld.

Aber reicht das, um die verunsicherten Stammwähler zurückzuholen? Vor Rot-Rot-Grün mag das bürgerliche Milieu zusammenzucken, ein Ampelbündnis mit der FDP erschreckt aber selbst Konservative nicht ins Mark. Die CSU-Strategen hoffen nun auf einen Schockeffekt der 28-Prozent-Umfrage: Dass Wähler erschrecken, so brutal sei die Watschn für die Union doch nicht gedacht gewesen. Um Geschlossenheit bittet auch der Chef der Jungen Union, Christian Doleschal: „Wir haben alle Hände voll zu tun, dass wir dieses Ergebnis abwenden“, sagt er über die Umfragen. So ein Resultat „wäre existenzbedrohend für die Union insgesamt“.

Freitag Söders Wiederwahl, Samstag Laschets Auftritt vor den CSU-Delegierten, wo er mit einer guten Rede um Sympathien kämpfen kann, Sonntag das zweite große TV-Triell: Gelingt also, so wie Söder es hofft und beschwört, der Union an diesem Wochenende die Trendumkehr? Es eilt, die Briefwahl läuft ja längst, viele Stimmen sind bereits abgegeben.

Was nach der Wahl passiert, ist aktuell eh völlig offen. Die Umfragen gäben den Gang in die Opposition und einen SPD-Kanzler Olaf Scholz her, aber auch eine unionsgeführte Jamaika-Koalition. Sogar über eine Lösung ohne Laschet wird in der CSU und in manchen Medien geraunt: Falls der CDU-Chef bald nach der Wahl über ein verheerendes Ergebnis stürze, könnte auch Söder mit Jamaika-Verhandlungen betraut werden. Das klingt sehr fern. Aber Verzweiflung und Hoffnung liegen in der CSU derzeit nah beisammen.

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