München – Es war nur ein Foto. Aber auch eine Ansage. Am Dienstagmittag hatte SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich noch eine klare Vorgabe gemacht: Allen müsste klar sein, „dass das Schauspiel, das sie vor vier Jahren hier manchmal auf Balkonen absolviert haben, nicht den Aufgaben gerecht wird“. Zur Erinnerung: 2017 hatten sich Vertreter von CDU, FDP und Grünen regelmäßig in entspannter Pose den Fotografen gezeigt, um den Eindruck guter, harmonischer Gespräche zu vermitteln. Doch Mützenich scheint nicht über ausreichend Autorität zu verfügen: Stunden nach seinen mahnenden Worten posteten Grüne und FDP ein gemeinsames Selfie. In entspannter Pose, um den Eindruck guter, harmonischer Gespräche zu vermitteln.
Es herrscht ein wenig verkehrte Welt im Berliner Regierungsviertel. Normalerweise bittet die stärkste Partei mögliche Partner zum Gespräch – diesmal diktieren die Kleinen die Schlagzeilen und den Terminplan. Die SPD hatte angeboten, noch in dieser Woche Gespräche zu führen. Mützenich wiederholte das gestern Mittag noch mal, aber FDP und Grüne haben andere Pläne. Beide wollen sich am Freitag in größerer Runde erneut allein zusammensetzen. Für die FDP wird das Präsidium teilnehmen, die Grünen kündigten ein zehnköpfiges Team an. Erst danach folgen Gespräche mit den Großen.
Das erste Treffen der Kleinen am Dienstagabend schien gut verlaufen zu sein. Alle Nachfragen zu möglichen Gesprächsinhalten, Dauer und Ort liefen ins Leere – man habe Vertraulichkeit vereinbart, hieß es unisono. So blieben die dürren Zeilen neben dem Instagram-Selfie die einzige Botschaft: „Auf der Suche nach einer neuen Regierung loten wir Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes aus. Und finden sogar welche. Spannende Zeiten.“
Für die größeren Parteien, vor allem die SPD, ist dieses Vorgehen eine Herausforderung. Einzelne ärgern sich zwar, da man aber eine Regierung bilden will, halten sich alle zurück. SPD-General-Lars Klingbeil sagte: „Erst mal ist ja schön, wenn alle gestern einen guten Abend hatten, das ist sehr wichtig, um gut zusammen zu regieren.“ Mützenich konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Deutschland braucht keine Fotos, sondern Deutschland braucht eine Regierung, die tatkräftig auch die Herausforderungen annimmt.“
Genau das wollen die Kleinen am Freitag in Angriff nehmen. Die FDP wird dann am Samstag mit der Union und am Sonntag mit der SPD sprechen. Die Reihenfolge habe sich „aus der Terminlage“ ergeben, sagte Wissing. Was auch immer das heißt. Immerhin ließ er sich entlocken, dass sich an der Präferenz für Jamaika nichts geändert habe, weil die Inhalte gleich geblieben seien. Erst mal bilateral zu reden, sei richtig: „Es muss ja am Ende, wenn es zu einem Bündnis kommt, jeder mit jedem zusammenarbeiten wollen.“ Im ZDF-„heute journal“ sagte Wissing gestern Abend allerdings, der Samstag sei noch nicht fix. „Noch hat die CDU keinen festen Gesprächstermin mit uns vereinbart.“
Die Grünen streuen mitten in die Gespräche am Samstag noch einen kleinen Parteitag ein. Dort soll die personelle Aufstellung für die Sondierungen festgezurrt werden. Auch Annalena Baerbock bleibt bei ihrer Präferenz für eine Ampel. Aus dem Ergebnis leitet sie einen klaren Auftrag für eine „progressive Regierung“ ab. Das passt zu Mützenich, der von einer „Fortschrittskoalition“ spricht. Mit der Union stehe man „in Kontakt“ sagt Baerbock. Ein Gespräch sei aber erst für nächste Woche geplant.
Man merkt, dass Grünen und FDP noch das spektakuläre Scheitern der Jamaika-Gespräche vor vier Jahren in den Knochen steckt. Die FDP machte damals nicht zuletzt Angela Merkel dafür verantwortlich. Jetzt gehe es darum, Vertrauen aufzubauen, heißt es. Baerbock sagt sogar den schönen Satz: „2017 darf sich nicht wiederholen.“