Johnson, der Überlebenskünstler

von Redaktion

Am britischen Premier perlen auch die neuesten „Partygate“-Enthüllungen ab – er geht schon wieder in die Offensive

London – Von Reue zu Attacke in wenigen Sekunden. Eben noch wirkte Boris Johnson wie ein ertappter Schuljunge, versicherte, dass er in der „Partygate“-Affäre seine Lektion gelernt habe. Aber Pustekuchen: Schon feuerte der britische Premierminister eine neue Breitseite ab. Oppositionsführer Sir Keir Starmer, der im Lockdown mit Mitarbeitern Bier und Curry genossen hatte, verspottete er als „Sir Beer Korma“, dessen Vorgänger Jeremy Corbyn beleidigte er sogar als angeblich moskaufreundlichen „Wladimir Corbyn“. Hinter Johnson johlten die Abgeordneten seiner Tory-Partei.

„Sein Auftritt im Unterhaus zeigt, dass er sich nicht im Geringsten geändert hat“, sagt der Politologe Mark Garnett. Es ist das gleiche Muster: Johnson steht im Mittelpunkt einer Affäre, auch aus dem eigenen Lager regt sich Kritik. Daraufhin gibt er mutmaßlich klein bei, zeigt Demut, versichert Entgegenkommen. Und dann wendet sich der „Meister der Ankündigungen“, wie ihn Kritiker nennen, dem nächsten Thema zu. Wird er vom alten Skandal doch eingeholt, teilt der 57-Jährige gerne mal aus oder deutet die Anklage zu seinen Gunsten um – wie nun bei der Affäre um Lockdown-Feiern im Regierungssitz.

Eben erst hatte das ganze Land gelesen, zu welcher Erkenntnis die interne Ermittlerin Sue Gray gelangt war: Dass die politische Führung die Verantwortung trage an den Zuständen in der Downing Street mit Alkoholexzessen während der Pandemie. Was aber las Johnson aus dem Bericht? Er sei reingewaschen worden. Schließlich habe Gray keine weiteren Vorwürfe gegen ihn erhoben, und auch die Polizeiermittlungen hätten nur in einem Fall zum Strafbefehl geführt.

„Bullish“ habe sich der Premierminister gezeigt, kommentierten britische Blätter anschließend. Das Wort übersetzt sich als stur, trotzig, dickköpfig – und es passt zu Johnson. Wie ein Bulle nimmt er im Parlament die Opposition ins Visier. Regelmäßig weisen ihm Kritiker Lügen nach. Doch oft verfängt seine Masche, schon allein deshalb, weil andere Abgeordnete ihm nach den strengen Vorschriften des Parlaments nicht vorwerfen dürfen, dass er lügt – und sei es noch so offensichtlich.

Dennoch ist es noch gar nicht lange her, dass Johnson vor dem Aus stand. Im Februar schien es eine Frage des Wann und nicht des Ob, dass seine Partei ihn aus dem Amt drängt. Als tröpfchenweise immer neue schockierende Details zu „Partygate“ ans Licht kamen, forderten immer mehr Tories ihren Chef zum Rücktritt auf. Doch die Schwelle von 54 Stimmen unzufriedener Abgeordneter, die für ein internes Misstrauensvotum nötig sind, wurde nicht erreicht – schließlich rettete der russische Angriff auf die Ukraine den Premier.

Derzeit ist gut ein Drittel der notwendigen Stimmen erreicht: 19 Tory-Abgeordnete fordern öffentlich Johnsons Rücktritt. Das bedeutet aber auch, dass 340 Konservative den Premier stützen. Johnson gilt nach wie vor als mit Abstand bester Wahlkämpfer der Partei. Experte Garnett sieht zudem einen weiteren Mythos heranwachsen – dass Johnson sich aus jeder Krise herausreden könne. Davon abgesehen gebe es auch keinen offensichtlichen Nachfolger. BENEDIKT VON IMHOFF

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