Die Angst vor der nuklearen Katastrophe
Nach dem Beschuss des größten europäischen Kernkraftwerks wächst die Sorge – Experte: keine unmittelbare Gefahr
München – Einen heikleren Ort für Gefechte gibt es nicht: Am Wochenende wurde das von russischen Truppen besetzte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja zwei Mal beschossen – von wem genau, das ist nicht zweifelsfrei zu sagen. Moskau und Kiew geben sich jeweils die Schuld und warnen vor katastrophalen Folgen. Auch die Atomenergiebehörde IAEA mahnt, es gebe das „sehr reale Risiko einer nuklearen Katastrophe“.
Europas größtes AKW ist seit Monaten ein Schauplatz des Krieges in der Ukraine. Bis zu 500 russische Soldaten halten die Anlage im Süden des Landes seit März besetzt, betrieben wird sie aber von einem ukrainischen Team. Das reagierte nach dem ersten Beschuss am Freitag umgehend und fuhr sicherheitshalber einen der sechs Reaktorblöcke herunter. Beim Angriff in der Nacht zu Sonntag soll ein Lager für abgebrannte Brennstäbe in Mitleidenschaft gezogen worden sein, wohl durch herunterfallende Raketenteile.
Die Lage scheint unter Kontrolle, aber die Grundsituation bleibt hochbrisant. IAEA-Chef Rafael Mariano Grossi nannte jede Art von Gefecht im Bereich des Kernkraftwerks ein „Spiel mit dem Feuer“. Er sei „äußerst besorgt“.
„Was in Saporischschja passiert, ist ein absolutes No-Go“, sagt auch Sebastian Stransky von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS). Er leitet die Abteilung für internationale Projekte, die sich mit russischer Reaktortechnik beschäftigt. „Ein Kernkraftwerk ist eine hochkomplexe Einrichtung“, er teile die Sorgen. Von der unmittelbaren Gefahr einer nuklearen Katastrophe „würde ich trotzdem nicht sprechen“.
Der Grund liegt in der Bauweise der AKW. „Die wichtigsten Teile sind in einer Stahlbetonhülle untergebracht“, sagt Stransky. Das so genannte Containment könne den Absturz eines kleinen Flugzeugs verkraften. „Es sollte also auch Beschuss aushalten, ohne dass es sofort zu einer kompletten Zerstörung des Reaktorgebäudes kommt. Selbst eine Beschädigung des Containments führt nicht a priori zu einem kerntechnischen Unfall.“ Hinzu kommt, dass die ukrainischen Meiler sicherheitstechnisch offenbar in einem guten Zustand sind. Der älteste Reaktor in Saporischschja ist zwar seit Mitte der 80er-Jahre am Netz, wurde aber kontinuierlich ertüchtigt. „Das sicherheitstechnische Niveau der Anlagen ist heute höher als zur Zeit, als sie gebaut wurden.“
Andere Experten sind da deutlich skeptischer. „Grundsätzlich sind militärische Angriffe nicht Teil des Designs von Kernkraftwerken“, sagt Risikoforscher Nikolaus Müllner von der Universität für Bodenkultur in Wien. Ein Schutz gegen gezielte militärische Zerstörung sei kaum möglich. Tatsächlich ist die Lage extrem angespannt. Das „Centre for Strategic Communications and Information Security“, eine dem ukrainischen Kulturministerium unterstellte Behörde, meldete am Montag, die Russen drohten, das AKW in die Luft zu sprengen. Sie zitiert den Kommandanten: „Dies wird entweder russisches Land sein – oder verbrannte Erde.“
Überprüfen ließ sich das nicht. Die Rhetorik passt aber zum russischen Spiel mit globalen Ängsten – in dem Fall die Furcht vor einem zweiten Tschernobyl. Stransky hält so ein Szenario für schwer vorstellbar. Sollte ein Reaktor beschädigt werden, könne es schlimmstenfalls passieren, dass die „Nachzerfallswärme“, die bei der Kernspaltung entsteht, nicht mehr abgeleitet werden kann. Kernschmelze und ein Austritt von Radioaktivität seien denkbar. „Aber, um es ganz deutlich zu sagen: Egal, was dort passiert, es hätte nicht die Ausmaße von Tschernobyl.“
Die Anlage bleibt ein Risiko, schon weil sich ihr Zustand nicht überprüfen lässt. Inspektoren dürfen nicht auf das Gelände. Das AKW-Team ist auf sich gestellt. M. MÄCKLER