Djä di ei ho: Jodeln lernen bei der Weltmeisterin
Mit Freude dabei: Jodelweltmeisterin Andrea Wittmann und die Teilnehmer des Jodelseminars in Seebruck.
Das ist kein Scherz im Veranstaltungsprogramm: In Seebruck gibt Andrea Wittmann, Weltmeisterin im Dauerjodeln, Jodelkurse für Anfänger. OVB-Mitarbeiterin Charlotte Kayser hat den Versuch gewagt. Warum ein Schluck Bier dabei nicht schadet und was Kuhglocken damit zu tun haben.
Seebruck – Regnerisch und kühl ist es an diesem Morgen in Seebruck, wo sich eine Handvoll Menschen für eine ungewöhnliche Aktion versammelt haben. Sie alle wollen das Jodeln lernen. Da kommt auch schon Andrea Wittmann, in einem salbeigrünen Dirndl gekleidet. Sie leitet das Seminar.
Wenn sich jemand mit Jodeln auskennt, dann vermutlich Dauerjodel-Weltmeisterin Wittmann. Auf einer Wiese neben dem Seebrucker Hafen stellt sich die Gruppe von rund 20 Teilnehmern in einem Halbkreis auf und blickt erwartungsvoll zur Dozentin.
Rekord: 15 Stunden
und elf Sekunden jodeln
Wittmann kommt aus Truchtlaching und hat schon als Kind angefangen, zu musizieren. Ohne Musik geht’s bei ihr nicht. Studiert hat Wittmann Kirchenmusik in Salzburg. Sie spielt mehrere Instrumente wie Orgel, Klavier, Cembalo und Harmonika und leitet vier Chöre. Außerdem eine Leidenschaft von ihr: das Jodeln. Seit 2016 hat sie den Weltrekord im Dauerjodeln inne, der bei 15 Stunden und elf Sekunden liegt.
Wie sie das geschafft hätte, möchte eine Seminarteilnehmerin wissen. „Auf die richtige Technik kommt es an“, erklärt Wittmann. Kein Witz: Ein Schluck Bier zum Befeuchten helfe auch, so Wittmann, die zudem Biersommelière ist.
Laut Wittmann steckt viel Symbolkraft in dem Berg- und See-Panorama hier am Chiemsee: „Die Berge für die hohen Töne, der See für die tiefen Töne.“ Sie erfreut sich an der klaren, vom Regen noch feuchten Luft und erklärt, dass die Gruppe heute „etwas für die Gesundheit“ tue.
Zu Beginn:
Lockerungsübungen
Gleich zu Beginn holt die Jodelweltmeisterin ihr Akkordeon aus der Tasche und spielt zum Einstieg eine heitere, bayerische Polka. Extrovertiert, mitreißend und gute Laune versprühend – die Art von Wittmann spiegelt sich gut in der Polka wider.
Wittmann klatscht in die Hände: Jetzt geht es darum, den Körper auf das Jodeln vorzubereiten und die Stimme aufzuwärmen. Dazu macht Wittmann mit der Gruppe einige Lockerungsübungen – Beine und Arme werden ausgeschüttelt und abgeklopft. Dann ist die Stimme dran.
Wittmann erklärt, wie wichtig es ist, die Vokale deutlich zu betonen und die Mimik daran anzupassen. Beim E gehe der Kiefer runter und die Stimme wird tiefer. Das I klinge besser, wenn man dazu lächelt – das werden die Teilnehmer an diesem Vormittag noch öfter hören. Nachdem die Grundkenntnisse eingeübt wurden, geht die Gruppe zum tatsächlichen Jodeln über. Die OVB-Mitarbeiterin kostet es ein wenig Überwindung, sie lässt sich aber darauf ein und macht mit. Erst einmal gemächlich: Wittmann übt mit der Gruppe den Jodler „Holja-Dü-Rü“. Klassischerweise antwortet eine andere Person darauf mit einem Juchzer, wie Wittmann vormacht. „Jetzt habt ihr den ersten Gipfel-Jodelruf gelernt“, sagt Wittmann.
Viel Freude
und einige Lacher
Das erste wirkliche Lied ist der „Langenwanger Jodler“ – ein Naturjodler, der in der freien Natur auf einer Almwiese am schönsten klingt, wie ein Blick auf das Notenblatt verrät.
Wittmann spielt ein kurzes Vorspiel auf dem Akkordeon und begleitet mit dem Instrument. Die Teilnehmer sollen nun auf die gelernten Positionen der „Maske“, also der Mimik bei den Vokalen, achten.
Das zweite Lied ist der „Alperer“ – ebenfalls ein Naturjodler, der aus dem Salzburger Land stammt. Er beschreibt den Geist des Berges. „Djä di ei ho, djä di ei ho, al pa ra, al pa ra“ – erklingt es nun auf der Wiese. Mittlerweile bleiben auch immer wieder Leute am Hafen stehen, um das Treiben zu beobachten.
Ein Orchester
aus Kuhglocken
Die Stimmung steigert sich, die Teilnehmer werden lockerer. Man merkt: Das Jodeln macht Freude. So sorgt das dritte Lied „Hätt i di“ für einige Lacher und gute Laune bei den Amateur-Jodlern. Schließlich kommt nicht in jedem Jodler der Ausdruck „Halts Maul“ vor. Wittmann freut sich, dass der Kanon sogar dreistimmig klappt.
Die drei Lieder werden mehrmals hintereinander geübt, bis sie sitzen. „Jodeln in der Natur hat Seele“, sagt Wittmann zufrieden. Anschließend packt Andrea Wittmann aus ihrer Tasche an die zehn Original-Kuhglocken unterschiedlichster Größe aus, jede mit einem anderen Klang. Mit diesen Kuhglocken führt Wittmann einen Walzer vor – in rasender Geschwindigkeit wirbelt Wittmann vor dem Tisch mit den Glocken, hebt mal die eine, mal die andere Glocke hoch, bis eine Melodie erkennbar ist. Manche summen mit, sobald sie den Walzer erkennen. Mit sieben Freiwilligen bringt Wittmann ihre Erfahrung als Chorleiterin ein und macht mit ihnen ein „Kuhglockenorchester“.
Anschließend gibt es für jeden Teilnehmer eine Urkunde. Diese bestätigt, dass die jeweilige Person „Einblicke und Grundlagen in die Kunst des Jodelns gewonnen“ hat.
Das Feedback der Teilnehmer zum Kurs fällt sehr positiv aus. Die Niederländerin Anne Kaiser aus Amsterdam macht mit ihrem Mann in der Region Urlaub. Über den Veranstaltungskalender der Gemeinde Seeon-Seebruck hat die gebürtige Niederländerin von dem Seminar erfahren und war gleich begeistert. Sie liebe es zu singen, sagt sie und erzählt von einem Weltmusikwettbewerb, bei dem sie das Jodeln kennengelernt hat. „Jodeln macht viel Spaß“, sagt Kaiser mit einem Lachen im Gesicht.
Auch ein Paar, das ursprünglich aus Irland stammt, jetzt aber in Deutschland lebt, ist beim Kurs dabei.
„Man bekommt ein
anderes Körpergefühl“
Nicht nur aus der Region sind die Kursteilnehmer, sondern auch aus Tübingen oder Bremen. Anemone Oesterle ist zum Beispiel extra aus Baden-Baden angereist. Sie und ihr Mann sind über ein Sommermusikfest in der Schweiz zum Jodeln gekommen. „Es tut gut, man bekommt ein anderes Körpergefühl dadurch.“ Sie betont außerdem das gute Gruppengefühl im Seminar.
Beschwingt und mit sichtlich guter Laune gehen die Teilnehmer zurück zu ihren Autos am Hafen. Auch die OVB-Mitarbeiterin ist positiv überrascht über die Einblicke in die Kunst des Jodelns. Und das Jodelzertifikat? Das wird sie sich an die Wand hängen – als Erinnerung an das Jodelseminar in Seebruck.
Das Kuhglockenorchester sorgt für gute Laune bei den Teilnehmern.
Walzer mit Kuhglocken? Andrea Wittmann macht’s vor.
Bei Andrea Wittmann geht nichts ohne Musik. Sie ist studierte Kirchenmusikerin – und leidenschaftliche Jodlerin.
OVB-Mitarbeiterin Charlotte Kayser war beim Jodel-seminar.