Er hilft, wenn Hornissen am Haus einziehen
Hornissen sind streng geschützt. Aufgrund ihrer Größe reagieren viele verunsichert, wenn die Insekten im eigenen Garten oder am Haus ein Nest bauen. Eigentlich bauen Hornissen ihre Nester bevorzugt in leeren Baumhöhlen. Doch die gibt es immer seltener. Die Umsiedlung eines Volkes ist nur in Ausnahmefällen erlaubt.
Seit 30 Jahren beschäftigt sich Jürgen Pohl mit Hornissen im Landkreis Rosenheim. Bei seinen Nestkontrollen geht es um Ängste der Hausbewohner, überraschende Nistplätze und die Frage, wann ein Nest tatsächlich entfernt werden muss.
Landkreis Rosenheim – „Schrecklich“, kann sich Hedda Bierbrauer noch daran erinnern, als sie das erste Hornissennest an ihrem Haus entdeckt hatte. „Der erste Gedanke war damals nicht so positiv“, erzählt die Breitbrunnerin. Damals wohnten sie und ihr Mann den ersten Sommer im neugebauten Holzhaus. Heuer, acht Jahre später, haben sie bereits zum zweiten Mal ein Hornissennest.
Zwischen den Holzbalken, direkt über dem Gartentisch, herrscht reger Flugverkehr. Immer wieder verschwindet eine Hornisse in einer schmalen Öffnung, kurz darauf kommt eine andere heraus. Die Tiere sind gelb-schwarz gestreift und etwa zwei bis drei Zentimeter groß. Der Besuch auf der Terrasse scheint die Insekten nicht zu stören.
„Das sind unheimlich
friedliche Tiere“
Bierbrauer beobachtet das Treiben inzwischen gelassen: „Das sind unheimlich friedliche, tolle Tiere“, sagt sie. Immer wieder sitzt das Paar auf seiner Terrasse und beobachtet die Insekten. Sogar den Sonnenschirm haben Hedda und ihr Mann abgebaut, um die Flugroute der kleinen Mitbewohner nicht zu blockieren.
Was für Bierbrauer vor acht Jahren noch „schrecklich“ war, gehört für Jürgen Pohl zum Alltag. Seit 30 Jahren ist er Hornissenberater bei der Unteren Naturschutzbehörde des Rosenheimer Landratsamts. Jedes Jahr wird er von verunsicherten Eigentümern zu zahlreichen Nestern im Landkreis gerufen. Er informiert, klärt auf und berät.
Heuer ein gutes
Jahr für Hornissen
„Dieses Jahr war ein gutes Hornissenjahr“, blickt er zurück. Der milde Winter und der warme Frühling taten den Populationen gut. Hornissenberater Jürgen Pohl hatte daher besonders viel zu tun.
Für Pohl sind Nester an Häusern kein ungewöhnlicher Anblick. Eigentlich bauen Hornissen ihre Nester bevorzugt in leeren Baumhöhlen, weiß er. Doch solche alten Bäume verschwinden zunehmend. „Wir Menschen bieten ihnen gute Alternativen“, erklärt Jürgen Pohl. „Hornissen suchen sich Hohlräume, die mindestens so groß sind wie ein Schuhkarton.“ Giebel, Hohlräume hinter Holzverkleidungen oder Rollokästen kommen infrage.
Auch in einem Priener Hotel hat sich ein Volk im Rollokasten sein Nest gebaut. Pohl tritt näher an das Hotelfenster im Erdgeschoss heran und lugt von unten in den Rollokasten. Über die gesamte Fensterbreite haben die Hornissen ein gelbliches, geschichtetes Geflecht aufgebaut. Einzelne Hornissen kriechen heraus oder hinein. Jürgen Pohl steht etwa einen Meter davon entfernt. Er trägt keine Schutzkleidung. Er deutet ruhig nach oben.
Weil die Tiere im Rollokasten des Hotels niemanden stören, dürfen sie bleiben. Auf dem Fensterbrett liegen dunkle Krümel. Bräunlicher Saft läuft aus dem Nest. „Hornissen haben zwei Nachteile“, erklärt Pohl. „Der Dreck und die Geräusche.“
Gegen den Kot hilft ein unbehandeltes Holzbrett oder eine Wanne mit Katzenstreu unter dem Nest, weiß der Hornissenberater.
Laute Geräusche
kommen von den Larven
Hören kann man bei den Tieren eine Art Knacken. „Da meint man, die beißen dir den Balken durch“, sagt Pohl und lacht. Doch der Ton entsteht dann, wenn die hungrigen Larven gegen die Waben beißen. Holzbalken oder Ähnliches beißen sie nicht an.
So lästig die Tiere für einige Bewohner sein können – für die Natur sind sie nützlich. Denn sie fressen neben Fallobst auch Insekten wie Bremsen oder Wespen. Das heißt, anders als ihre Artverwandten stören sie Menschen nicht am Kuchentisch. Als eine Hornisse plötzlich dicht an seinem Gesicht vorbeifliegt, bleibt Jürgen Pohl ruhig. „Die tun nichts, wenn man sie nicht ärgert.“
Gift harmloser als das
von Bienen und Wespen
Lediglich Erschütterungen im Nest oder Rauch können die Tiere nervös machen. „Ein Hornissenstich ist nichts anderes für einen gesunden Menschen als ein Wespenstich.“ Ihr Gift sei sogar harmloser als das einer Biene, weiß Pohl. Dennoch sollte man bei Stichen im Halsbereich und als Allergiker vorsichtig sein.
Eine Allergie kann für Jürgen Pohl ein Grund für eine Umsiedlung oder Vernichtung des Nests sein. Kommt er baulich an das Nest heran, saugt er die Tiere mit einem Staubsauger ab und trägt das Nest Wabe für Wabe ab. Einige Kilometer entfernt setzt er das Volk dann wieder aus. Sinnvoll ist eine solche Umsiedlung jedoch nur bis Ende Juli: „Solange die Altkönigin und damit auch die Koordination da ist.“
Ist eine Umsiedlung nicht möglich, kann ein Volk mit Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde getötet werden. Das darf nur mit entsprechender Ausbildung durchgeführt werden und betrifft laut dem Experten etwa fünf bis zehn Prozent der Nester. Pohl rät Betroffenen zur Vorsicht, denn immer wieder gebe es unseriöse Anbieter, die die Nester illegal mit gesundheitsschädlichen Mitteln entfernen. Einige würden auch mehr als 1.000 Euro für solche Dienstleistungen verlangen. Wichtig sei im Anschluss auch, das vernichtete Volk samt Nest zu entfernen. Denn andernfalls entsteht aus den faulenden Larven ein übel riechender Gestank, weiß der Berater aus Erfahrung.
Mensch und Hornisse im
friedlichen Nebeneinander
Jürgen Pohls Job besteht aber längst nicht nur darin, Nester zu entfernen. Oft reichen kleine Veränderungen am Haus, damit Mensch und Hornissen nebeneinander leben können. Ein Brett unter dem Nest. Ein Fliegengitter bei nahe gelegenen Fenstern. Das Entfernen von Gegenständen in der Flugbahn.
Wer den Nestbau ganz verhindern möchte, dem empfiehlt Pohl im Frühjahr stark duftendes Nelken- oder Zimtöl auszubringen. „Damit vergrämt man die suchende Königin.“ Jetzt im Spätsommer werden viele der Nester erst sichtbar. Denn die Tiere bauen aufgrund der kühlen Herbsttemperaturen die Isolierung aus – ihre Bauten werden größer. „Aber nur optisch, nicht inhaltlich“, sagt Pohl. Denn im September sterben immer mehr Tiere.
Sich an einem
Naturspektakel erfreuen
Hornissen eigenhändig zu fangen oder zu töten – davon rät er strikt ab. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz sind sie streng geschützt. Zumal „der Spuk in vier Wochen mit dem ersten Frost sowieso vorbei ist“, erklärt der Hornissenberater. Wer will, kann das Nest dann entfernen.
Hedda Bierbrauer und ihr Mann wollen die Überreste des Nests deshalb wohl hinter den Holzbalken lassen. Die anfänglichen Eindringlinge gehören für sie inzwischen zum Haus dazu. Ein neues Volk wird dort im nächsten Jahr ohnehin nicht einziehen. „Ein einmal benutztes Nest wird nicht wieder hergenommen“, sagt Pohl. Solange die schönen Insekten da sind, werden Bierbrauer und ihr Mann sie weiter beobachten. Zusehen, wie die Tierchen emsig hinter den Holzbalken verschwinden. Und sich über das Naturspektakel freuen.
Hornissenberater Jürgen Pohl kontrolliert ein Nest im Rollokasten eines Priener Hotels. Die Hornissen machen zwar Dreck, doch sie dürfen bleiben.
Ein kunstvolles Geflecht aus zerkauten Holzfasern und Speichel: Das Nest bietet dem Hornissenvolk Schutz und Platz für die Aufzucht der Larven. Ob prächtig ausgebaut am Dachgiebel oder versteckt im Rollokasten – Jürgen Pohl schon viele Nester gesehen.
Das helle Hornissennest kann man oben hinter den dunklen Holzlatten nur erahnen: Die Hausbesitzer Hedda Bierbrauer und Michael Marchant nehmen‘s gelassen, obwohl sich das Nest direkt über dem Gartentisch auf der Terrasse befindet.
Eines der schönsten Nester, das Pohl begutachtet hat: Im Giebel eines Hauses bei Wildenwart haben die Insekten ihr Quartier gefunden und über den Sommer ein großes Nest aufgebaut.
Bei seinen Kontrollen prüft Jürgen Pohl, ob ein Hornissennest tatsächlich zum Problem werden könnte.