Brenner-Nordzulauf – wer zahlt den Preis?
Brenner-Nordzulauf: Sanierung vor Neubau
Protest gegen Bahn-Pläne: Seit Jahren gibt es Widerstand in der Region Rosenheim gegen den Neubau eines Brenner-Nordzulaufs.
Interview Ulrich Lange, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, fordert Priorität für die sogenannte „ABS 38“
Rosenheim – Ulrich Lange (CSU) ist Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium und damit nahe an den Entscheidungen in Berlin. Eigentlich sollen im Bundestag demnächst Weichen gestellt werden für Rosenheims Jahrhundertprojekt: den Brenner-Nordzulauf als Neubau mit zwei Tempo-Gleisen.
Doch auch ein „Ja“ des Parlaments wird absehbar keinen baldigen Baubeginn bedeuten – das machte Ulrich Lange im Exklusivgespräch mit dem OVB deutlich. Andere Projekte wie die Ausbaustrecke 38 – die Verbindung zwischen München, Mühldorf und Freilassing – sowie die Korridorsanierung der Strecke München–Rosenheim– Salzburg hätten Vorrang. Danach sei man fürs Erste gut für die Eröffnung des Brenner-Basistunnels im Jahr 2032 gerüstet.
Klarheit wird es geben mit einer Entscheidung des Deutschen Bundestages. Der Bundestag, genauer der Verkehrsausschuss, wird etwa im November das Thema anberaten. Dann wird er eine Anhörung aufsetzen, die wird normalerweise im Januar, Februar oder März sein. Anschließend werden die Details, von den Kernforderungen bis zu der Gesamtbetrachtung der zulaufenden Verkehre – beginnend vom Knoten München – diskutiert. Bei Hamburg–Hannover dauert das Verfahren nun bereits ein Jahr. Und das ist eine vergleichbar komplexe Strecke.
Die Kostendiskussion ist insofern wichtig, weil wir durch die besonderen Finanzierungsmöglichkeiten, genannt Sondervermögen, sehr viel Geld in die Schiene investieren.
Genau. Das ist Geld ausschließlich für die Sanierung des Bestandsnetzes, aber nicht für den Aus- und Neubau. Die Mittel für den Aus- und Neubau betragen pro Jahr im Bundeshaushalt gut drei Milliarden Euro. Das schwankt ein bisschen, dazu gibt es jetzt einen kleinen Aufwuchs. Aber die Koalition hat beschlossen, die Gelder prioritär für die Sanierung einzusetzen. Das bedeutet, dass wir auch bei den Mitteln, die wir für den Neubau zur Verfügung haben, schauen müssen, was Baurecht hat oder absehbar Baurecht haben wird.
Ja. Prioritär für uns ist die ABS 38, von der am Mittwoch (23. September) die Rede war, als Ausbauprojekt. Da wollen wir 2027/28 zu bauen beginnen.
Wir werden uns unter der Wirkung der ABS 38 die Verkehre und die notwendigen Kapazitäten anschauen müssen. Wir können die Strecke nicht nur als Einzelstrecke bewerten. Wir müssen den Knoten München in der Kapazität unbedingt ertüchtigen und eruieren, was die ABS 38 dazu leisten kann. Dies gilt auch für die Strecke München–Rosenheim, wenn wir sie digitalisiert und mit Blockverdichtung versehen haben. Wir haben freie Kapazität plus Blockverdichtung. Danach stellt sich die Frage, wie wir weitere Haushaltsmittel sinnvoll einsetzen können.
Wir sind weiterhin gemeinsam auch mit Österreich und Südtirol im Dialog, wie wir die Verkehre bewältigen, und wir geben auch unsere Verlagerungsziele nicht auf. Aber wir schauen, wie wir mit unseren Mitteln in welchem Zeitabschnitt welche optimale Wirkung erzielen können, weil wir eben zunächst unser Bestandsnetz in Ordnung bringen müssen. Danach können wir prüfen, wie wir mit den übrigen Mitteln die größtmögliche Wirkung erzielen. Und da ist in unseren Augen die ABS 38 der erste Punkt.
Wir nennen das ja ganz bewusst nicht mehr Generalsanierung, sondern Korridorsanierung. Wir sanieren zunächst den Korridor Rosenheim–Salzburg in 2027 und danach den Korridor München–Rosenheim in zwei Abschnitten, einmal 2028 und in einem zweiten Teil inklusive Einbau von ETCS (siehe Infobox, Anm. der Red.) im Jahr 2031. So können wir bis 2032, wenn der Brennerbasistunnel bis dahin tatsächlich eröffnet werden sollte, von unserer Seite durch Blockverdichtung und ETCS eine Strecke anbieten, die guten verkehrlichen Standard hat.
Sperrpausen wird es geben.
Nicht in dem Umfang, wie es mal geplant war, sondern verteilt auf mehrere Abschnitte, sodass man immer wieder die Gewerke in einem Teilabschnitt komplett abschließen kann. Wir haben das als Union ja bereits zu Oppositions-Zeiten kritisiert, und es zeichnet sich ja jetzt leider auch immer wieder ab: Das Konzept einer Korridorsanierung, bei der alles auf einmal gemacht wird und alles auf einmal funktioniert, hält der Realität nicht stand. Die DB InfraGO musste und muss immer wieder nacharbeiten. Und deswegen gibt es eine Neujustierung. Aber eine Baustelle bedeutet auch immer mal eine Sperrung.
Ja, ich kenne die Sorgen aus ganz vielen Richtungen, auch vonseiten des Güterverkehrs. Ich brauche Ihnen sicher nicht sagen, was passiert, wenn man so eine Strecke ein halbes, dreiviertel Jahr komplett auch für den Güterverkehr sperrt.
Ich habe dem Landrat angeboten, dass er mit einer Gruppe von zehn bis 20 Leuten gerne ins Verkehrsministerium nach Berlin kommen kann. Ich nehme mir die Zeit – auch mit entsprechender Fachbegleitung –, dass wir uns insbesondere die Themen der Kernforderungen anhören, darüber reden und so die Meinungen aus dieser Region bis nach Berlin getragen werden.
Ich lege mich nicht auf eine einzelne Forderung fest. Mir ist wichtig, dass wir in einen offenen Dialog gehen. Das Thema ist vielschichtig. Da ist die Verknüpfungsstelle im Wildbarren, da ist die Innquerung, da sind aber auch die Ebersberger Belange. Wir werden sehen, ob wir mit kleineren und mittleren Maßnahmen wie Lärmschutz und Überholgleisen Lösungen finden, sodass wir manche große Lösung vielleicht gar nicht benötigen. Ich bin offen, über alle Alternativen zu diskutieren. Am Ende liegt die Entscheidung bei den Abgeordneten des Deutschen Bundestages.
Ulrich Lange, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr.
Das Inntal – unberührt, außer vom goldenen Abendlicht. Was passiert mit der Region, wenn der Nordzulauf kommt? Diese Frage bewegt weit über den Landkreis hinaus.