Schnaitsee – Der geplante Neubau eines Masthähnchenstalles in Kolbing sorgte jüngst für Gesprächsstoff in der Sitzung des Schnaitseer Bauausschusses. Franz Gmeindl will auf seinem Grundstück ein Stallgebäude inklusive Wintergarten bauen, mit einer Länge von 112 Metern sowie einer Breite von rund 25 Metern. Zusammen mit der Errichtung von vier Futtersilos bietet die Anlage Platz für insgesamt 29.900 Mastgeflügelplätze.
Keine Einwände
der Nachbarn
In der Sitzung des Bauausschusses wurde das Thema diskutiert, ehe das Gremium nach eingehender Debatte schließlich sein gemeindliches Einvernehmen erteilte. Wichtigen Rückhalt gibt es dabei auch aus dem direkten Umfeld, denn die Nachbarn haben nichts gegen das Bauvorhaben eingewendet.
Dennoch werfen Tierhaltungsanlagen in der Öffentlichkeit regelmäßig kritische Fragen auf, weshalb etwa Maria Dirnaicher (UI) im Rahmen der Diskussion ihre Bedenken bezüglich der Regionalität äußerte. Ebenso war ihre Sorge, dass das Futter importiert werden würde. Fritz Erl (CSU) hingegen sagte, ihm sei lieber, wenn der Stall in Schnaitsee gebaut werde und er dann wisse, wo das Fleisch herkomme, anstatt es aus dem Ausland importieren zu müssen.
Berater
erläutert Konzept
Mit diesen Bedenken konfrontiert, wollen der Antragsteller Franz Gmeindl und Martin Gotthart, Produktionsberater bei der Brüterei Süd, das genaue Konzept erläutern. Das gesamte Projekt firmiere unter den Labels „Privathof“ und „Geprüfte Qualität Bayern“, was eine komplett bayerische Produktion garantiere.
Der Weg des Geflügels ist dabei von Anfang an regional durchgetaktet. Der Ursprung liegt vollständig in Bayern, da die Elterntiere der Küken im Großraum Niederbayern und in der Oberpfalz gehalten werden, wo auch die Bruteier entstehen. Diese Bruteier werden anschließend täglich in die Brüterei nach Regenstauf gefahren, dort 21 Tage lang bebrütet und die geschlüpften Küken schließlich als Eintagsküken auf kürzestem Weg zum Aufzuchtbetrieb transportiert.
In Kolbing angekommen, können die Betriebe während der Mast ihren betriebseigenen Weizen einsetzen, um das Ganze nachhaltig zu führen und dem Landwirt eine echte Wertschöpfung zu bieten. Sobald die Tiere schlachtreif sind, werden sie auf kürzestem Wege zum Schlachthof nach Bogen in Niederbayern transportiert, wobei die Transportzeit maximal vier Stunden beträgt, bevor die Ware komplett als Frischware vermarktet wird. Gotthart betont stolz das geschlossene System: „Wir gewinnen bayerische Hähnchen mit bayerischen Küken, mit Futter aus bayerischer Produktion bei bayerischen Landwirten für den bayerischen Markt. Zudem stellt er klar, dass keine Tiefkühlware, sondern ausschließlich Frischware produziert wird.
Auch das Thema Tierwohl steht bei dem Vorhaben absolut im Vordergrund, wie Gotthart erklärt. Während das oberste EU-Gesetz eine Besatzdichte von bis zu 42 Kilogramm Lebendgewicht pro Quadratmeter erlaubt, sind in Deutschland maximal 39 Kilogramm für die Haltungsform eins vorgesehen. In Kolbing wird diese Menge nochmal reduzierter sein. Hier wird die deutlich strengere Haltungsform drei angestrebt. Dieses auch als „Privathof“-Konzept von Wiesenhof bekannte Modell reduziert den Besatz von den 35 Kilogramm der Haltungsform zwei noch weiter auf 29 Kilogramm pro Quadratmeter.
Zum Konzept gehört zudem eine langsamer wachsende Rasse, die im Vergleich zum Standard deutlich mehr Zeit zum Aufwachsen hat, robuster und weniger anfällig für Krankheiten ist, wodurch der Einsatz von Antibiotika auf ein Minimum reduziert werden kann. „Wenn die Hühner krank sind, muss man sie behandeln. Egal welcher Haltungsform sie angehören“, will Gotthart an dieser Stelle anmerken.
Den Hühnern stehen neben viel Tageslicht auch ein Wintergarten als zweite Klimazone sowie reichlich Beschäftigungsmaterial wie Strohballen, Picksteine und Sitzstangen zur Verfügung, damit sie ihrem natürlichen Verhalten nachgehen können.
Einen bewussten Schritt gegen die noch höheren Haltungsformen vier und fünf, welche die Bio-Stufe mit direktem Frei-Auslauf darstellen, begründet Experte Gotthart mit der Lebensmittelsicherheit. Sobald die Tiere ins Freie dürfen, steige die Gefahr, dass sie Erreger wie zum Beispiel die Vogelgrippe oder Salmonellen aufnehmen, die im Tier nichts zu suchen haben. Daher liege der Hauptfokus auf der Haltungsform drei, da diese den optimalen Kompromiss darstellt und vom Verbraucher am meisten umgesetzt und nachgefragt wird.
Betrieb sichern
und weiterentwickeln
Für Landwirt Franz Gmeindl ist das Bauvorhaben eine existenzielle Weichenstellung für die langfristige Sicherung und Weiterentwicklung des Familienbetriebs, der seit Generationen im Vollerwerb geführt wird. Im Jahr 2009 wurden die Standorte Kolbing und Albertaich zu einem Betrieb zusammengeführt und seit 2014 als GbR bewirtschaftet. Da die Tierhaltung in Kolbing seither ruhte, soll sie nun wieder aufgenommen werden, um den Hof auch künftig im Vollerwerb weiterführen zu können. Gmeindl erklärt hierzu, dass man auf dem anderen Betrieb zwar Milchvieh halte, es aber keinen Sinn mache, in Kolbing einen zweiten Milchviehbetrieb aufzubauen, da es besser sei, breit aufgestellt zu sein. Das Landwirtschaftsamt habe ihn im Voraus beraten und diese Richtung als besten Weg für die Zukunft bestätigt. Auch in puncto Nachhaltigkeit setzt das Projekt Maßstäbe, denn die Energieversorgung soll weitgehend autark über eine vorhandene Photovoltaikanlage mit Speicher und eine Hackschnitzelheizung erfolgen. Um Geruchs- und Emissionsbelastungen für die Natur und Umwelt so gering wie möglich zu halten, wird bewusst auf ein Mistlager am Hof verzichtet; der Mist wird direkt an eine Biogasanlage abgegeben und dort zur Energieerzeugung genutzt.
Ein Versickern oder eine unsachgemäße Lagerung am Standort werden somit ausgeschlossen. „Zusätzlich tragen eine stickstoffreduzierte Fütterung sowie moderne Lüftungstechnik dazu bei, Natur und Umwelt zu schonen“, heißt es von Gmeindl in einem Infoschreiben an die Gemeinde Schnaitsee.
Spezielle
Schulung absolviert
Für den Landwirt, der extra eine spezielle Schulung für diese Haltungsform absolviert hat, stellt das Projekt „den goldenen Mittelweg“ zwischen Standard- und Biohaltung dar, der hohes Tierwohl mit wirtschaftlich tragfähiger, regionaler Erzeugung verbindet.
Er betont entschieden, dass man Fleisch lieber regional erzeugen und verzehren sollte, anstatt nicht zu wissen, wo es herkommt. Gleichzeitig sieht er das Vorhaben als nachhaltige Investition in die nächste Generation: „Wir haben drei Kinder, vielleicht will eines davon die Landwirtschaft übernehmen, dann haben wir dafür gute Voraussetzungen geschaffen.“
Intensive
Begleitung
Um die lückenlose Einhaltung aller strengen Richtlinien zu garantieren, wird der Betrieb von Anfang an intensiv begleitet. Laut Produktionsberater Gotthart verfügt das System über fünf Zertifizierungen und wird mehrmals jährlich streng kontrolliert, wobei auch der Deutsche Tierschutzbund für angekündigte und unangekündigte Kontrollen direkt auf den Hof kommt. Im Schnaitseer Bauausschuss wurde das Einvernehmen mit 5:2 Stimmen erteilt. Der Bauantrag für den Masthähnchenstall liegt aktuell beim Landratsamt Traunstein zur finalen Genehmigung.