Trockenheit – die unterschätzte Gefahr

von Redaktion

Die Wälder brennen: am Saurüsselkopf, in den Damberger Filzen bei Übersee, in Oberwössen, Marquartstein, Bad Reichenhall und am Freitag erneut in den Filzen bei Bernau. Für den WWF-Waldbrandexperten Peter Hirschberger ist das ein Warnsignal.

Chiemgau – „Es ist erschreckend, wie schnell wir die prognostizierten Auswirkungen des Klimawandels lokal in unserer unmittelbaren Nähe zu spüren bekommen“, sagt Forstwissenschaftler Peter Hirschberger. Er ist im Chiemgau aufgewachsen, lebt seit 16 Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft der Rottauer Filze. Wie schnell der Klimawandel voranschreitet, bereitet ihm Sorge: „Früher gab es noch diesen wochenlangen Schnürlregen, heute gibt es fast nur noch Extreme wie Starkregen oder lang anhaltende Trockenheit.“

Mit mediterranem Klima
wächst Waldbrandrisiko

Als Forstwissenschaftler hat er für die Umweltorganisation WWF jahrelang zu Waldbränden geforscht und Studien dazu verfasst. Sein Fazit: „Weltweit ließ sich ein eindeutiger Zusammenhang feststellen – egal ob in Deutschland, Russland oder Indonesien. Moorwald- und Torfbrände treten ausschließlich auf entwässerten Moorflächen auf. Ein nasses Moor brennt nicht!“ Deshalb sei eine Wiedervernässung der Moore die wirkungsvollste Maßnahme, um Waldbrände zu verhindern.

„Wir können gerade beobachten, wie sich weltweit die Klimazonen verschieben. Mit dem mediterranen Klima bekommen wir auch das Waldbrandrisiko des Mittelmeerraums. Wir müssen schnellstmöglich geeignete Maßnahmen ergreifen, um einer Waldbrandkatastrophe vorzubeugen, wie wir sie derzeit in Frankreich, Spanien und Italien sehen“, fordert der Forstwissenschaftler.

Vier Brände in
wenigen Wochen

Aus seinem direkten Umfeld kennt er inzwischen beide Extreme des Klimawandels: das Hochwasser von 2013, vor allem aber Waldbrände. „Allein in der Nähe von Bernau hat es im Juni und Juli vier Brände gegeben“, sagt Hirschberger. Anfang Juni 2026 brannte der Grünstreifen nördlich der A8 zwischen Felden und Bernau. Ende Juni standen in den Damberger Filzen rund sechs Hektar Wald- und Moorfläche in Flammen. Anfang Juli brannte auf etwa 200 Metern das Gras an der Böschung des Bahndamms zwischen Bernau und Übersee. Und erst am Freitag rückte die Bernauer Wehr wieder zu einem Waldbrand im Ortsbereich von Bernau aus.

„Dass diese Brände keine katastrophalen Ausmaße angenommen haben, ist nur dem schnellen Eingreifen der Feuerwehr zu verdanken.“

Er ist dankbar, dass es Menschen gibt, die sich in der Feuerwehr ehrenamtlich für das Wohl anderer Menschen einsetzen. Zugleich ist es auch der Mensch selbst, der diese Einsätze verursacht. „Ein Wald geht nicht von allein in Flammen auf, egal wie ausgetrocknet er ist“, betont der Experte. Die einzige natürliche Ursache sei ein Blitzeinschlag. „95 Prozent der Waldbrände werden direkt oder indirekt von Menschen ausgelöst.“

Waldbrände nehmen meist dort ihren Anfang, wo sich viele Menschen aufhalten – beispielsweise an Wanderwegen, Bahnlinien und Straßen. Eine achtlos weggeworfene Zigarette, ein illegales oder unzureichend gelöschtes Lagerfeuer, ein heißer Auspuff oder Funkenflug von Zügen können ausgedörrtes Gras oder Unterholz entzünden.

„Als kurzfristige Maßnahme können in waldbrandgefährdeten Gebieten entlang von Verkehrswegen wie Autobahn, Bahnlinie oder Chiemsee-Radweg Brandschutzstreifen angelegt werden“, erläutert Hirschberger. Ein etwa drei Meter breiter Streifen sollte regelmäßig gepflegt und von leicht entzündlichem Brennmaterial wie vertrocknetem Gras und dürrem Astwerk freigehalten werden.

In entwässerten Mooren
wächst das Brandrisiko

Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius und lang anhaltende Trockenperioden dürren den Boden aus. „Gleichzeitig ist das Moor durchzogen von Entwässerungsgräben, aus denen selbst dann noch Wasser fließt. Auf solchen Extremstandorten wachsen keine waldbrandresistenten Baumarten, sondern nur die leicht entflammbaren Kiefern und Birken. Eine weitere Entwässerung der Filzen wird in den kommenden Jahren nicht nur das Risiko, sondern auch die Schwere der Waldbrände massiv erhöhen“, warnt der Experte.

Entlang der Straße nach Rottau lässt sich der Unterschied in der Vegetation deutlich erkennen. Südöstlich der Bahnlinie sind Bereiche bereits wiedervernässt – teils durch den Biber, teils durch Renaturierungsprogramme. Im inneren Moorkern – dort, wo einst Torf abgebaut wurde – haben sich die Wasserflächen gefüllt. „Die gleichaltrigen Kiefernreinbestände im inneren Hochmoor konnten erst durch die Entwässerung entstehen und bergen ein extrem hohes Waldbrandrisiko. Bei der Wiedervernässung sterben sie zwar ab, können sich aber aufgrund der Nässe nicht entzünden“, erklärt Hirschberger. „Im seit historischen Zeiten bestehenden, geschützten Moorrandwald hingegen profitieren die Kiefern, Fichten, Birken und Erlen von der verbesserten Wasserversorgung in Trockenphasen.“

In den Rottauer Filzen lasse sich aber leider auch beobachten, wie eine Entwässerung bei den jetzigen klimatischen Bedingungen den naturnahen, geschützten Moorwald schädige, erklärt der Forstwissenschaftler. „Dort zeigen die Fichten deutliche Trockenschäden und sterben reihenweise ab“, erklärt er. Das aus ökologischer Sicht erwünschte Totholz werde unter solchen Bedingungen zu einem hochgefährlichen Brennmaterial. Langfristig bleibe auf der Fläche dann nur noch die Kiefer übrig, die aufgrund ihres hohen Harzgehalts schnell entflammbar ist, während darunter leicht entzündliche Gräser sprießen. „Damit werden die idealen Voraussetzungen für eine Waldbrandkatastrophe geschaffen“, warnt der Forstwissenschaftler.

Im April 2025 kam es im Wald an der Eichetstraße in Richtung Rottau auf etwa 900 Quadratmetern zu einem Flächenbrand. Die Spuren sind bis heute zu sehen. Und auch die Gefahren lauern noch immer – vor allem im Frühjahr. Dann bieten ausgedörrte Gräser das ideale Zündmaterial. „Kommen dann noch Zündquellen wie eine Zigarette oder ein heißer Auspuff hinzu, kann es zum Flächengrasbrand kommen“, macht Hirschberger klar.

Dann erfasse das Bodenfeuer die tief herabhängenden Äste der jungen Kiefern. „Vom brennenden Jungbestand aus können die Flammen dann auf die Kronen des Altbestands übergreifen und einen schwer zu löschenden Totalbrand auslösen, wie wir ihn in den Damberger Filzen beobachten mussten.“

In dieser Waldbrandphase entstünden extrem hohe Temperaturen, bei denen das Feuer auf die trockene Torfschicht übergreifen könne, verdeutlicht Hirschberger die Gefahr. „Ein Torfbrand ist kaum noch zu löschen und verursacht so giftige Rauchschwaden, dass die Gesundheit der Bevölkerung im weiteren Umkreis gefährdet ist.“ Glücklicherweise konnte das die Feuerwehr in den Damberger Filzen verhindern.

Die Feuerwehren bekämpfen Waldbrände mit speziellen Techniken. In den Rottauer Filzen wurden die Flammen im April 2025 im Zangenangriff von mehreren Seiten eingedämmt. In den Damberger Filzen wurden die Löscharbeiten vom Boden und aus der Luft zusätzlich durch eine rund 1,8 Kilometer lange Beregnungsleitung mit Kreisregnern unterstützt. „Bei einem Waldbrand werden angrenzende Bereiche intensiv beregnet, um ein weiteres Ausbreiten der Flammen zu verhindern“, erklärt Hirschberger und macht klar: „Nichts anderes passiert bei der Wiedervernässung. Feuchte Moorböden verhindern Torf- und Moorwaldbrände.“

Wiedervernässung schützt
vor Feuer und Hochwasser

Für den Forstwissenschaftler Peter Hirschberger ist die langfristige Wiedervernässung der Moore die zentrale Antwort auf zwei lokale Folgen des Klimawandels, Waldbrände und Überflutungen. „Wiedervernässte, intakte Hochmoore sind nicht nur Kohlenstoffspeicher und Lebensraum gefährdeter Tier- und Pflanzenarten, sondern schützen auch uns Anwohner vor Waldbränden und Überflutungen. Die Entwässerungsgräben trocknen nicht nur die Filzen aus, sie verschärfen zudem die Überflutungsgefahr“, sagt Hirschberger. Das lasse sich bei jedem Starkregenereignis beobachten. „Dann wird nahezu der gesamte Niederschlag der Rottauer Filze über ein weit verzweigtes System von Entwässerungsgräben schnellstmöglich zur einzigen Engstelle am Eingang der Justizvollzugsanstalt geleitet, wo als Folge Straßen und Keller unter Wasser stehen. Viel sinnvoller wäre es, die Niederschlagsmengen vor dem Siedlungsbereich aufzuhalten und im Moor zu speichern, sodass deutlich weniger Wasser durch die Engstelle fließen muss.“

Niemand könne ausschließen, dass der nächste Moorwaldbrand auf Häuser übergreife und Menschenleben gefährde, warnt Hirschberger. „Als betroffener Anwohner erwarte ich, dass Politik und Verwaltung sich auf die veränderte Situation einstellen und schnell Maßnahmen ergreifen, um uns vor dieser Gefahr zu schützen.“

Um dafür ganzheitliche Konzepte zu erarbeiten, wäre es ratsam, wenn sich alle Interessensgruppen mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen an einen Tisch setzten: Naturschutzverbände und Untere Naturschutzbehörde mit ihrer ökologischen Kompetenz, Förster und Forstwissenschaftler mit ihrem Waldwissen, das Wasserwirtschaftsamt mit der hydrologischen Expertise, die Waldbesitzer und Anwohner mit ihrer Kenntnis der lokalen Situation und die Feuerwehr mit ihren Erfahrungen in der Brandbekämpfung.

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