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Kampfmittelbeseitigung im Fokus

Interview Experte Markus Fricke warnt vor enormer Sprengkraft von Blindgängern

Rosenheim – Es ist ein Job auf Messers Schneide: Finden Bauarbeiter einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, zählt jeder Handgriff. Nach dem jüngsten Bombenfund in Happing spricht Markus Fricke über die enorme Zerstörungskraft von 250 Kilogramm Sprengstoff, das unberechenbare Risiko von Langzeitzündern und warum die Entschärfer im Dauereinsatz sind. Fricke ist Lehrgangsleiter für den Fachbereich Kampfmittelbeseitigung an der Dresdner Sprengschule und deren Geschäftsführer.

Haben Sie schon mal eine Fliegerbombe entschärft?

Ich habe einmal unter Aufsicht eine Fliegerbombe entschärft. Aber hauptsächlich kümmere ich mich um die theoretische Ausbildung, die dahintersteckt. Im Rahmen meiner Hospitation beim Kampfmittelbeseitigungsdienst hatte ich aber die Gelegenheit, bei der Entschärfung einer Fliegerbombe dabei zu sein und auch selbst Hand anzulegen.

Wie geht man in der Regel bei einer solchen Entschärfung vor?

Das kommt darauf an. Wenn man die Fliegerbombe planmäßig bei Sucharbeiten findet, nähert man sich dem Objekt vorsichtig an und achtet darauf, das Objekt nicht zu belasten. Anschließend schaut man sich das Zündsystem an.

Und wenn die Bombe – wie in Happing – zufällig bei Bauarbeiten gefunden wird?

In diesem Fall muss der Verdacht, dass es sich bei dem harten Gegenstand im Boden tatsächlich um eine Fliegerbombe handelt, erst einmal verifiziert werden. Dann muss man herausfinden, woher die Bombe stammt. Daraus ergibt sich in den meisten Fällen auch, welches Zündsystem verbaut wurde. Der Zünder befindet sich in der Regel jeweils am Kopf und am Heck der Bombe. Anschließend müssen die Handlungsoptionen genau durchgesprochen werden und auch, welche konkreten Gefahren von der Fliegerbombe mit dem aktuellen Zündsystem ausgehen.

Nach den Fotos zu beurteilen: Um welche Bombe handelt es sich im Happinger Fall?

Vermutlich um eine amerikanische Fliegerbombe. Das heißt, es kommen ungefähr vier Zündsysteme infrage, die man gut voneinander unterscheiden kann.

Und das Ziel ist es, diese Zündsysteme unscharf zu machen?

Korrekt. Aber: Es gibt auch Fliegerbomben mit einem sogenannten Langzeitzünder, der extra so gebaut wurde, dass sie beim Aufschlag nicht detonieren, sondern mit Verzögerung. Weil das aber nicht immer funktioniert hat, werden noch heute Fliegerbomben mit einem sogenannten Langzeitzünder gefunden. Eine Entschärfung ist in diesem Fall keine Option. Sobald man versuchen würde, den Langzeitzünder auszubauen, würde die Bombe hochgehen.

In Happing hat es mit der Entschärfung geklappt.

Was sicherlich alles andere als einfach war. Denn was man nicht vergessen darf: Die Zünder sind aus Stahl gefertigt. Nach 80 Jahren im Boden haben Korrosionsvorgänge stattgefunden. Die größte Schwierigkeit ist es deshalb, den Zünder von der Bombe zu trennen. Entweder mit der Hand oder mit dem Einsatz eines Fernentschärfungsverfahrens. Hilfreich ist es in jedem Fall, wenn man ein Schmiermittel in den Gewindegang zwischen Zünder und Bombe bekommt. Vorstellbar ist das mit dem Versuch, eine stark verrostete Schraube nach Jahren wieder zu lösen.

Das hört sich insgesamt nach einem sehr gefährlichen Job an.

Statistisch gesehen ist jeder Job gefährlich. Aber wenn man weiß, was man tut, und mit der notwendigen Routine und Ruhe agiert, kann bis auf ein Restrisiko nichts passieren.

Hin und wieder kommt es auch vor, dass eine Entschärfung nicht möglich ist und Bomben direkt vor Ort gesprengt werden müssen. Was muss dann beachtet werden?

Eigentlich genau die gleichen Dinge wie bei einer Entschärfung auch. Schon beim Entschärfen legt man in der Regel die gleichen Sicherheitsmaßstäbe fest, die auch bei einer Sprengung gelten würden. Eben, weil auch bei einer Entschärfung ein Restrisiko bleibt. Der Absperrradius ist in der Regel der gleiche, auch der Evakuierungsradius unterscheidet sich nicht.

Wie wird der Radius für die Evakuierung festgelegt?

Nach dem Sprengstoffgesetz muss bei Stahlsprengungen ein Evakuierungsradius von 1.000 Metern angeordnet werden. Dies gilt auch für eine Entschärfung, da hierbei ebenfalls ein Stahlkörper explodieren kann – wenn auch nicht gewollt. Je nach Art und Lage der Bombe sowie Beschaffenheit des Umfelds kann der Radius aber verkleinert werden.

Welchen Schaden würde eine 250-Kilogramm schwere Fliegerbombe anrichten?

Einen enormen Schaden. 200 Gramm Explosivstoff bringen einen Menschen auf eine Entfernung von einem Meter um. Jetzt kann man sich ausrechnen, was bei 250 Kilogramm passieren würde.

Wie häufig kommt es vor, dass Fliegerbomben entschärft werden müssen?

Täglich. Die Leute, die am Dienstag (29. September) in Happing die Fliegerbombe entschärft haben, sind jetzt wahrscheinlich schon wieder woanders unterwegs, um irgendwelche Munition zu bergen.

Was passiert jetzt mit der Fliegerbombe?

Die wird in ein Zwischenlager gebracht. Die Fliegerbombe ist zwar unschädlich, der Sprengstoff birgt aber nach wie vor Gefahrenquellen. Die Bombe muss deshalb ordentlich auf einem Fahrzeug verpackt werden, damit Erschütterungen vermieden werden. Die Bombe wird dann eingelagert, damit der Explosivstoff nicht nachhaltig verändert wird. Irgendwann wird sie dann vernichtet. Die Bombe wird in Portionen geschnitten, damit der Sprengstoff in einem Verfahren gefahrlos verbrannt werden kann.

Interview: Anna Heise

<p xml:space="preserve">Markus Fricke privat</p>

Markus Fricke privat

Freitag, 2. Oktober 2026
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