Schnaitsee – Die „Zukunft der Landwirtschaft“ lautet der Titel der Podiumsdiskussion. Doch am Ende diskutierten in aufgeheizter Stimmung rund 250 Besucher in Schnaitsee vor allem über die aktuelle Situation der Bauern. Zur Diskussion geladen hatte Gisela Sengl, Landtagsabgeordnete und Sprecherin für Landwirtschaft und Ernährung von Bündnis 90/Die Grünen. Im Anschluss an das Gespräch mit weiteren Vertretern aus der Landwirtschaft kam es zu einem Schlagaustausch mit teils harten Vorwürfen gegen Sengl. Moderiert wurde die Veranstaltung von Gemeinde- und Kreisrat Sebastian Heller (Bündnis 90/Die Grünen).
Appell an Verbraucher und Gartenbesitzer
„Wir wollen jede Gelegenheit nutzen, um über die Landwirtschaft zu sprechen“, eröffnete Sengl, selbst Biobäuerin im Kreis Traunstein, die Veranstaltung. Seit dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ im Sommer dieses Jahres werde die Kluft zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft im größer. Viele Landwirte hätten das Gefühl, für das Insektensterben beschuldigt zu werden. „Artenschutz geht uns alle an“, sagte Sengel und appellierte an Verbraucher und Gartenbesitzer, aber auch an Kommunen und Kirchen, ebenfalls für den Artenschutz aktiv zu werden.
Sengl sieht die Landwirte in der Pflicht, notwendige Veränderungen zugunsten von Arten-, Boden- Wasser- und Tierschutz mit zu tragen. Denn die Hälfte der Fläche in Bayern werde von Landwirten bearbeitet. Die Grünen-Politikerin sprach sich dafür aus, eine Balance zwischen Versorgungssicherheit und dem „Turbomarkt“ zu finden. Dafür sei es notwendig, als Ausbildungsziel eine „Gemeinwohlleistung“ anstelle des betriebswirtschaftlichen Erfolgs zu setzen. Auch in der Beratung solle auf Qualität „statt Masse“ gesetzt und die Agrarförderung an Leistung der Landwirtschaft für Umwelt-, Tier-, Wasser- und Bodenschutz gebunden werden.
Unterstützung bekam Sengl von Franz Obermeyer, Kreisrat und Biobauer: „Jeder darf wirtschaften, wie er will, aber dann soll er auch die Verantwortung tragen.“ Für den Ärger vieler Landwirte über die Düngeverordnung habe er kein Verständnis: Ihm sei ein gerechtes System wichtig, das durch die Einführung einer Stickstoffsteuer möglich werde. Dann müsse die Produktion zurückgefahren werden. Und das „tut allen gut“. Vom runden Tisch erwartet er im Ergebnis einen „Gesellschaftsvertrag“.
Düngeverordnung „gut fürs Trinkwasser“
Dass auch die Trinkwasserqualität von der Landwirtschaft abhängig ist, betonte Josef Reiter, Schutzgebietsberater kommunaler Wasserversorger im Landkreis Traunstein, Vertreter des Zweckverbands der Harpfinger Gruppe und ebenfalls Biobauer. Einfachste Lösung für Reiter ist die Begrünung der Landflächen, da sich so der Nitrateintrag niedrig halten ließe. Die Düngeverordnung von 2017 sei „gut für das Trinkwasser“.
Vitus Pichler, Kreisrat, konventioneller Landwirt und ehemaliger Bürgermeister von Schnaitsee, verwies auf das schwindende Ansehen der Landwirte, in einer Zeit, in der „Lebensmittel nicht mehr geachtet werden“. Was das Volksbegehren betrifft, gehe er mit Sengl „nicht konform“, denn das sei „über die Landwirte drüber gestülpt“ worden. In der „Überreglementierung“ sieht Pichler das größte Problem und forderte von der Politik, mehr Eigenständigkeit für die Landwirte zu erwirken. Und – wie Sengl – eine bessere Abstimmung der Förderungen auf Einzelbetriebe.
„Es fehlt an einer gesamtheitlichen Betrachtung, bislang wird nur an kleinen Schrauben gedreht“: Dieser Meinung ist Alfons Leitenbacher, Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein.
„Fachlicher
Blödsinn“
Die Düngemittelverordnung sei „fachlicher Blödsinn“, weil hier „alles über einen Kamm geschoren wird“. Wenn es um Landwirtschaft und Umwelt gehe, müssten andere gesellschaftliche Gruppen in die Pflicht genommen werden. Der Amtsleiter sprach sich für ein „Gesetz für nachhaltige Landwirtschaft“ aus, das den Bauern mehr Selbstbestimmtheit zugesteht.
Im Anschluss an das Gespräch gingen die Meinungen zwischen Podium und Publikum deutlich auseinander. Viele Teilnehmer waren aus den umliegenden Gemeinden gekommen, auch Aktivisten der Initiative „Land schafft Verbindung“. Ihnen schien an dem Abend die Stimme eines konventionell wirtschaftenden Landwirts auf dem Podium zu fehlen. So machten sie ihrem Ärger Luft. Dabei kamen viele Themen zur Sprache: Vom „Spritzen“ an den Badeseen über den Ausbau von Biogasanlagen und die Vorgaben und Verfehlungen der EU-Politik bis hin zu Milchpreis, „Massentierhaltung“ und Pestizideinsatz.
So stieß die Forderung der Landtagsabgeordneten Sengl nach einer „Ökologisierung der Landwirtschaft“ auf viel Unmut. „Nicht auf den Bauern rumhacken“, rief ein Landwirt aus der Region. „Wir machen eine super Arbeit. Das soll gesehen werden.“ Man mache „alles gut“, so ein Landwirt aus Altötting. Man helfe Biobauern aus. „Eine Unverschämtheit“ aber sei der „Pflanzenschutzkalender“ von Gisela Sengl – ein Video, das derzeit in den sozialen Medien kursiere, und das konventionell wirtschaftende Landwirte schlecht mache. „Wir arbeiten sauber und nachhaltig. Das Video trifft mich. Ich erwarte eine Entschuldigung“.
Sengl distanzierte sich von dem 2016 produzierten „politischen Agitationsmittel“, das schon vor drei Jahren von der Homepage genommen worden sei und sagte ärgerlich, es mache „keinen Sinn, wenn man die politische Diskussion über Landwirtschaft so führt“.
„Prügelknabe
der Gesellschaft“
Tobias Heiss, konventioneller Bauer aus Schnaitsee sagte, man wolle als Landwirt nicht länger „Prügelknabe der Gesellschaft“ sein: „Staatlich ausgebildet, geprüft, gefördert – und fertig gemacht“. Offene Kritik an Sengel kam auch von einer Landwirtin, die einen Schweinemastbetrieb führt. Sie wehrte sich gegen die von Sengl genannten Zahlen: 80 Prozent der angelieferten Schweine hätten Gelenkentzündungen. „Wenn das so wäre, hätten wir schon längst zumachen müssen“, so die Teilnehmerin entrüstet. Diese „Lüge“ trage zur weiteren Spaltung bei, so ein Vertreter der Initiative Land schafft Verbindung. Regine Falk