Auftrag erfüllt – und weg

von Redaktion

Seinen Auftrag – Kühe zu besamen – hatte ein knapp zweijähriger Stier erfüllt, da überkam ihn der Freiheitsdrang: Abmarsch vom Hof, Spaziergang durch Oberaudorf.

Oberaudorf – Ein Hundemantel-Laden war die erste Anlaufstelle eines postkoital ausgebüxten Jungstiers. Die Panoramascheibe hatte gegen die 500 bis 600 Kilo Lebendgewicht und die Kraft des Tieres keine Chance. Im Laden „hat er sich zweimal umgedreht“, so der Onkel des Stierbesitzers, in dem Zug Ausstellungsware verwüstet und dann den Laden durch das zertrümmerte Fenster auf den Parkplatz verlassen. Der Stier machte sich, an Hufen und Bauchdecke blutend, aus dem Staub.

Zum Schrecken seines Besitzers, der ihn erst Tage zuvor erstanden hatte. Und zum Schrecken dessen Onkels. Beide Landwirte machten sich Sorgen, dass der Jungstier so in Panik geraten könnte, dass er Menschen gefährdet. „Die Autos, die Bahn, Fußgänger – das ist der doch gar nicht gewöhnt, das hätte schlimm ausgehen können“, sagt Hans Widmesser, der Onkel des Besitzers, noch Tage später hörbar erleichtert.

Dienstbeginn
mit Stierjagd

Die Polizisten, die am Donnerstag um 19 Uhr Dienstbeginn in Kiefersfelden hatten, gingen direkt auf die Jagd nach dem Stier. Denn zu dem Zeitpunkt war nicht klar, ob der ausgebüxte Vierbeiner erschossen werden muss oder eingefangen werden kann. „So ein Tier in Panik – das kann gefährlich werden“, so Widmesser.

„In Deckung gehen, die Polizei anrufen“, ist denn auch der Rat der Kiefersfeldener Polizei für den Fall einer Begegnung mit einem entlaufenen Rind. Denn das kann in Panik oder bei großen Freiheitsdrang schon mal auf Menschen losgehen. Völlig unabhängig von der Farbe ihrer Kleidung, übrigens. Denn auf schwarze oder braune Jacken gehen Rinder genauso los, wie auf rote: Sie sind, wie viele Tiere, farbenblind.

Auf seinem Weg entlang der Wildbarrenstraße, der Bad-Trißl-Straße in Richtung Ortsteil Agg und dann weiter auf der Tatzelwurmstraße an den Auerbach in Niederaudorf waren dem Stier der Landwirt, dessen Onkel, der Tierarzt, ein Bergbauer und die Polizei auf den Fersen. „Die Polizisten waren unglaublich kooperativ“, erzählt Widmesser begeistert. „Der Spezialist wollte das Tier definitiv nicht töten, der hat immer wieder gesagt, dass wir ihn fangen.“

Das gelang schließlich auch: Mit einem Blasrohr legte ein hinzugezogener Bergbauer, der Dank seiner schottischen Hochlandrinder Erfahrung damit hat, mit einem vom Tierarzt zur Verfügung gestellten Betäubungsmittel den Stier lahm. Aber nicht so ganz, erzählt ein Polizist: „Wir haben ihn eingekesselt und dann geschoben, gezogen, gedrückt und gemacht bis wir das Tier endlich im Tiertransporter hatten“.

Metzgermeister bringt
Stier in den Stall

Das war gegen 21 Uhr und das Startsignal für Josef Waller senior: Ihn hatte die Polizei gefragt, ob er den Stier wohl in den Stall zurückbringen könne. Der Metzgermeister sagte zu, holte seinen Hänger und fuhr los. Der Ausreißer wurde in den Viehtransporter verladen und zurück in den Stall gefahren. „Unentgeltliche Nachbarschaftshilfe“ sei das gewesen, sagt Waller.

„Ja freilich“ bleibe der Stier am Leben, so Waller. Er soll ja auch in Zukunft Kühe besamen. Möglichst ohne Spaziergang danach.

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