Überwachungskamera filmt mutmaßlichen Wolf auf Brannenburger Hof
Die Zahl der Wolfssichtungen nimmt zu. In Bayern sind bislang nur einzelne Tiere unterwegs – im Gegensatz zur Döberitzer Heide in Brandenburg beispielsweise, wo sich ein Rudel angesiedelt hat. Foto dpa
Landesamt für Umwelt prüft nun das Video des nächtlichen Besuchers – Kreisbäuerin Katharina Kern von Vorfall nicht überrascht
Brannenburg – Dienstagnacht vergangener Woche: Auf einem abgelegenen Weiler etwas außerhalb von Brannenburg ist es totenstill. Um diese Zeit verirrt sich normalerweise kein Mensch auf die Hofstelle, die im Sommer auch von Ausflüglern besucht wird.
Großer Vierbeiner
läuft durch das Bild
Die Besitzer haben eine Videokamera installiert. Und die filmt um 23.20 Uhr einen außergewöhnlichen Besucher: Von rechts taucht sekundenlang ein großer Vierbeiner auf, schleicht mit eingezogenem Schwanz über den geteerten Hofplatz, schaut sich kurz links und rechts um und verschwindet links aus dem Blickwinkel der Kamera in der Dunkelheit.
Weder das Landratsamt Rosenheim („wir kennen das Video nicht“) noch das für Wölfe zuständige Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) waren gestern zunächst über die außergewöhnlichen Aufnahmen informiert.
Unter den Landwirten der Umgebung hatte sich das Video indes schnell verbreitet. Auch die Kreisbäuerin des Bayerischen Bauernverbands, Katharina Kern, hat es schon gesehen. Ihr Hof liegt bei Oberaudorf, nur einige Kilometer weiter südlich. „Wir sind alle in Habachtstellung“, sagt sie. Erst kürzlich, so erzählt man sich unter den Landwirten, hat ein Radfahrer in Oberaudorf nachts offenbar einen Wolf gesichtet – ein Foto von dieser Sichtung gibt es aber nicht. Jetzt aber die wenigen Sekunden lange Videosequenz von Brannenburg. Katharina Kern ist mit der Thematik vertraut, sie ist die Wolfsspezialistin unter den einheimischen Bauern. „Von der Größe her könnte es auch ein Goldschakal sein, aber der Kopf passt nicht so recht“, berichtet sie. „Wahrscheinlich ist es eher ein Wolf.“ Dass das Tier über einen Hof schleicht, also menschliche Nähe nicht scheut, wundert die Bäuerin „überhaupt nicht“. Der Wolf ist ein Kulturfolger, gegenüber menschlicher Besiedlung also sehr anpassungsfähig. Vorsichtig sind die Bauern in der Gegend, zur Panik aber besteht kein Anlass. „Die meisten Viecher sind ja im Stall“, auch die Schafe würden meist zumindest nachts reingeholt. So ungewöhnlich sei ein Wolf nicht mehr. „Die Population steigt ja seit Jahren an“, so Kern.
Das weiß auch der Almbauer Stefan Rappl aus Geißing bei Bergen (Kreis Traunstein), der Ende Oktober sechs tote Schafe auf seiner Weide fand. Hier hatte ein Wolf zugeschlagen, wie das LfU vergangene Woche bestätigte (wir berichteten). Analysen zur genetischen Herkunft laufen. Von Bergen nach Brannenburg sind es gute 40 Kilometer – das schafft ein Wolf an einem Tag. Doch niemand weiß, ob es sich um dasselbe Tier handelt.
Am Nachmittag meldete sich das LfU in der Redaktion: Die Familie der Hofstelle hat nun doch das Landratsamt benachrichtigt und das Video weitergeleitet.
„Kein auffälliges
Verhalten“
Beim LfU analysiert jetzt die Fachstelle Große Beutegreifer den Film. So viel sei klar: Das Tier, das da mit eingezogenem Schwanz vorsichtig über den Hof streife, zeige „kein auffälliges, aggressives Verhalten“. Fachleute des Lupus-Instituts, einer Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf, sind gleichfalls mit der Sichtung des Videos beauftragt.