Wasserburg/Haag – Pfeifen, Fahnen und Warnwesten: Der Anblick der Megglestraße in Wasserburg war am gestrigen Mittwoch ungewöhnlich. Mitarbeiter aus fünf Molkereien und Käsereien der Region – Meggle und Bauer aus Wasserburg, Jäger aus Haag, Bergader Privatkäserei aus Waging am See und dem Allgäuer Alpenmilchwerk aus Weiding – legten für 16 Stunden die Arbeit nieder. Aufgerufen dazu hatte die Gewerkschaft Natur, Genuss und Gaststätten (NGG), um gegen das „enorm zögerliche Verhalten der Arbeitgeber am Tariftisch“ zu protestieren. Die Stimmung an diesem Mittwoch: Wut ist es nicht, doch die Molkerei-Mitarbeiter sind angesäuert.
Manuel Halbmeier, Geschäftsführer NGG Rosenheim-Oberbayern, spricht von einem „Magermilch-Angebot“ seitens der Arbeitgeber. Eine Tariferhöhung von insgesamt fünf Prozent über die nächsten zwei Jahre hätten diese angeboten. Drei Prozent in 2024 und zwei Prozent in 2025. Zu wenig, findet die NGG und fordert einen Festbetrag von 411 Euro Lohnerhöhung über alle Tarifgruppen, prozentual umgerechnet eine Erhöhung zwischen 10,8 bis 11,1 Prozent. Für die Auszubildenden steht eine Forderung von 100 Euro, gekoppelt mit verbesserten Arbeitsbedingungen, wie die komplette Übernahme der Fahrtkosten zur Berufsschule und Freistellung für Bildungsurlaub, im Raum.
Eine hohe Forderung, das gibt auch Mustafa Öz, Vorsitzender des NGG-Landesbezirks Bayern, in seiner Ansprache zu. „Doch sie ist berechtigt“, sagt er und begründet sie mit der anhaltenden Inflation. Seitens der Molkereien werde argumentiert, dass die Inflation inzwischen abgeschwächt sei. „Doch die Realität sieht anders aus“, sagt Öz. Die Preise, vor allem für die täglichen Dinge, seien in den vergangenen Jahren „durch die Decke gegangen.“ Ein weiterer Ausgleich sei deshalb nötig. Die Forderung nach einem Festbetrag bezeichnet Öz als „fair“, insbesondere gegenüber Mitarbeitern in niedrigeren Tarifgruppen. Eine Umfrage bei den Mitarbeitenden der Milchwerke habe ergeben, dass sich diese einen Festbetrag wünschen würden. „Das ist gelebte Solidarität“, lobt Öz die Streikenden.
Doch nicht nur sie bekommen Lob, auch die Geschäftsführung von Meggle bekommt von der Gewerkschaft einige anerkennende Worte – nämlich dafür, dass sie sich an diesem Tag unter die Menge mischt und das Gespräch mit dem Personal sucht. „Wir kämpfen nicht gegen einen bestimmten Betrieb“, betont Öz. „Wir kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen.“ 300 Mitarbeitende hätten sich laut NGG an diesem Tag in der Megglestraße eingefunden. Bei den Reden pfeifen und grölen sie, doch größtenteils bleibt die Stimmung entspannt. Zum einen, weil die Tarifverhandlungen noch ganz am Anfang stehen. Vieles sei noch offen, betont die NGG. Zum anderen gehe es tatsächlich nicht gegen die Betriebe. Meggle und Bauer seien gute Arbeitgeber, ist immer wieder von den Streikenden zu vernehmen. „Wir sind hier, damit das auch so bleibt“, betont ein Mitarbeiter. In den nächsten Wochen soll der Streik weitergehen. Zunächst legt das Personal der Molkereien und Käsereien im Allgäu ihre Arbeit nieder. Sophia Huber