Vogtareuth – Der blaue Bus steht immer noch vor dem großen gelben Haus mitten in Vogtareuth. Unter der Markise des Fahrzeugs beraten sich mehrere Männer. Sie werfen einen kurzen Blick in Notizmappen, holen einige Beutel aus dem Auto, dann verschwinden sie wieder in dem Gebäude am Kirchplatz.
Auf ihren Westen ist auf der Rückseite in weißen Großbuchstaben „Kriminalpolizei“ zu lesen. Nach wie vor sichern die Beamten jede Spur, die helfen könnte, das aufzuklären, was in den frühen Morgenstunden am Mittwoch (6. Mai) rund um die Austraße passiert ist.
Ein 25-jähriger Mann wurde dort gegen 4 Uhr schwerstverletzt auf dem Boden liegend aufgefunden. Obwohl er sofort in ein Krankenhaus gebracht wurde, überlebte der junge Mann nicht. Vermutlich handelt es sich bei ihm um einen Mann aus Rumänien, sagte Vogtareuths Bürgermeister Alois Anetsberger bereits wenige Stunden nach dem Auffinden auf OVB-Anfrage.
Um herauszufinden, warum der 25-Jährige sterben musste, ermittelte die Polizei den ganzen Mittwoch über mit einem Großaufgebot im Ort.
Ein Hubschrauber kreiste in der Luft, eine Drohne wurde eingesetzt und zahlreiche Polizisten durchsuchten jeden Winkel der Gemeinde. Neue Erkenntnisse gebe es bislang aber nicht, sagt Daniel Katz, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd. „Stand jetzt können wir noch nichts Neues bekannt geben“, sagt der Polizist. Man müsse jetzt abwarten, welche Ergebnisse die Obduktion des Mannes hervorbringe.
Durch Vogtareuth geistern am Tag danach noch viele offene Fragen. Scheinbar hat niemand mitbekommen, was sich in der Nacht auf Mittwoch abgespielt hat. Nicht mal diejenigen, die nur wenige Meter von dem Fundort des im Sterben liegenden Mannes entfernt wohnen. „Gegen 4 Uhr habe ich schon was gehört, es war kurz etwas lauter“, sagt ein Mann, der in der Austraße wohnt.
Gedacht habe sich der Anwohner bei dem Krach am frühen Morgen nichts. Gespräche habe er durch sein gekipptes Fenster gehört. Ungewöhnlich sei das aber nicht. In dem Wohnhaus am Kirchplatz wohnen auch einige Männer, die bei Paketdiensten arbeiten, sagt der Mann.
Als er gegen 5 Uhr wieder aufgewacht sei, habe er keine Gespräche mehr gehört – sondern das Knacken mehrerer Funkgeräte. Durch die Jalousie habe es blau geleuchtet.
„Beim Blick nach draußen dachte ich mir: Ich seh nicht richtig. Vor dem Haus standen überall nur Polizeifahrzeuge und ein Rettungswagen“, sagt der Anwohner. Augenblicke später klingelten die Beamten schon an seiner Tür. „Sie meinten nur, dass ich nicht erschrecken soll, aber dass jemand verstorben ist und sie mir für die Ermittlungen im Rahmen eines möglichen Tötungsdelikts Fragen stellen müssen“, erzählt der Mann.
Ob es sich tatsächlich um ein Gewaltverbrechen handelt, dazu hält sich die Polizei weiter bedeckt. Es wird weder bestätigt noch ausgeschlossen. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, hieß es bereits am Mittwoch.
Daran habe sich nichts geändert. Es ist ein Punkt, der auch den Anwohner ein wenig verwundert. „Wenn jemand angegriffen, erstochen oder sonst was wird, dann schreie oder stöhne ich doch?“, sagt er. Er hofft, dass die Ermittler bald wissen, was passiert ist.
Wer der Verstorbene ist, darüber könne auch der Mann aus Vogtareuth nur spekulieren. „Wenn ich ein Foto von ihm gezeigt bekomme, erkenne ich ihn vielleicht, aber ein Gesicht habe ich nicht vor Augen“, sagt er.
Beim Vorbeigehen hätten einige Bewohner des Hauses gegrüßt, andere nicht. „Großen Kontakt gab es aber nie, wir sind nie zusammengesessen.“
Ob die Menschen in Vogtareuth jetzt Angst hätten, will der Mann nicht beurteilen. Eigenartig sei es aber schon, dass nach dem Fall der Polizistin, die vor ein paar Jahren ihre Kinder erschossen hatte, in Vogtareuth wieder etwas Schlimmes passiert ist. „Das sind schon Schockerlebnisse“, sagt er.
Julian Baumeister