Mühldorf – Am 20. Mai 2015 schreibt Lynne Farbman an das United States Holocaust Museum: „Meine Familie und ich waren vor ein paar Wochen in Mühldorf zu Besuch, um Informationen über meine Vergangenheit zu erfahren (…). Wir trafen uns mit dem Stadtarchivar und einem Historiker. Sie glauben, ich bin Baby Hannah. Das einzige Baby, das im KZ überlebt hat. (…) Wenn das wahr ist, ist die wichtigste Person in meinem Leben, Isaak Senor, geboren in Griechenland, nicht mein biologischer Vater.“
Rachel und Isaak
Rund 60 Jahre nach Kriegsende: Farbman lebt in D.C., Amerika. Zusammen mit ihren Eltern Rachel und Isaak Senor und ihrer Schwester Doris führte sie bisher ein glückliches Leben in den Staaten. Farbman hat geheiratet und bekam zwei Söhne. Die Vergangenheit ihrer Eltern kam dabei nur selten zur Sprache. Sie selbst sei 1946 in Ampfing geboren, sagte ihr ihre Familie. Ihre Eltern überlebten die Shoah, interniert im Konzentrationslager (KZ) Mühldorfer Hart.
Vereinzelt erzählte ihre Mutter von ihren Erlebnissen. Rachel Senor war gebürtig aus Wilna, Litauen. Sie kam 1944 in den Außenlagerkomplex des KZ in Dachau: das KZ Mühldorfer Hart. Isaak Senor war zuerst in Warschau, dann ab 1944 ebenfalls im Waldlager in Mühldorf inhaftiert.
Kurz vor dem Kriegsende im Mai 1945 bekam eine Wache des Lagers, in dem Farbmans Vater inhaftiert war, das Kommando, alle Insassen zu töten. Der Mann, der vermutlich ein Nazi war, berichtet Farbman, verweigerte den Befehl. Er hätte kurz vor Kriegsende nicht mehr die Verantwortung für all diese Morde übernehmen wollen. So überlebte Isaak Senor. Er lernte dort seine Frau Rachel kennen.
2007: Nach Mühldorf
Die Geschichte bröckelte langsam: „Manchmal rutschten meinen Eltern Sätze raus wie ‚Du bist ein Jahr älter, du bist stärker als die anderen Kinder.‘ Das hat mich lange nicht losgelassen. Aber meine Eltern haben nie etwas gesagt.“ Deshalb reist sie 2007 das erste Mal nach Mühldorf. Zusammen mit einem amerikanischen Reiseführer trifft sie auf Historiker und Stadtarchivar Edwin Hamberger und sagt: „Hallo, meine Mama hat mir erzählt, ich bin am 16. Januar 1946 auf die Welt gekommen. Ein Doktor aus Ampfing hat mich entbunden und ich möchte gerne meine Geburtsurkunde haben.“ Hamberger hat daraufhin in den Gemeinden Mühldorf, Ampfing und Mettenheim nachgeforscht. Die Geburtsurkunde jedoch war nicht auffindbar. Auch als er nach ihrem jüdischen Geburtsnamen suchte, „Hannah Leah Senor“, wurde er nicht fündig. „Das war schon mal ganz komisch. Es gibt einfach keine Geburtsurkunde.“
Die Spurensuche
Lange tut sich nichts: Wegen eines weiteren historischen Projekts stieß der Stadtarchivar auf die Memoiren von Sylvain Kaufmann, eines Franzosen, der ebenfalls das KZ Mühldorf überlebte. Die Biografie ist auf Französisch. Deshalb bat Hamberger seine Frau, es für ihn zu übersetzen.
Während sie ihm vorlas, fiel ihm plötzlich etwas auf: „Sylvain erzählt folgende Geschichte: Es ist Anfang 1945, er ist im Lager in Mühldorf untergebracht. Dort trifft er auf eine junge Litauerin, die sehr unglücklich ist. Sie hat gerade ein Kind entbunden. Das Baby heißt Hannah. Das ganze Lager kümmert sich reizend um sie: Sie haben einen Kinderwagen organisiert, Windeln für das Baby.“
Kaufmann schreibt, sein größter Wunsch wäre es, die Hannah später wieder zu treffen, um zu erfahren, wie es ihr geht. In dem Zusammenhang denkt der Stadtarchivar sofort an Lynne Farbman. Über ihre Geburt herrschte nämlich immer noch Ungewissheit. Zudem findet er Unterlagen, die Immigration Papers von Feldafing (Auffanglager), in denen sowohl 1945 als auch 1946 als Farbmans Geburtsjahr datiert sind.
„Du bist es“
Stöbert man durch die NS-Ausstellung in Mühldorf, kommt man an einem Hörspiel vorbei. Eine Zeugenaussage im Mühldorfer Prozess 1947. Frau Woltman, die zusammen mit Farbmans Mutter Rachel Senor interniert war, berichtet darin von zwei Entbindungen: Im Dezember 1944 kam ein Junge zur Welt. Auf Anweisung der Schutzstaffel (SS) ertränkte ein tschechischer Arzt ihn.
Anfang 1945, am 16. Januar, kam ein weiteres Baby zur Welt. Ein Baby namens Hannah. Edwin Hamberger und der damals ebenfalls zuständige Historiker Marc Spohr zählten eins und eins zusammen: Lynne Farbman kam 2015 wieder zu Besuch nach Mühldorf, zusammen mit ihrer Schwester Doris. Als sie die Geschichte hörten, sagte Doris: „Lynne, you are Baby Hannah.“ Damit erkannten sie, dass Isaak Senor Lynnes Stiefvater sein musste.
Denn ihre Eltern hätten sich erst am Ende des Krieges kennengelernt. Rachel war demnach schon schwanger ins Lager gekommen. Um Licht ins Dunkel zu bekommen, machten die beiden Schwestern einen DNA-Test – der ihre unglaubliche Lebensgeschichte bestätigt.