Absturzserie an der Hochries gibt Rätsel auf

von Redaktion

Großeinsatz für die Bergwacht an der Hochries: Am Pfingstmontag stürzten dort gleich drei Gleitschirmflieger innerhalb kurzer Zeit ab. Mit aufwendigen Aktionen mussten die Piloten gerettet werden. Was den Einsatz außergewöhnlich machte – und wie es den Abgestürzten geht.

Samerberg – Im Minutentakt flogen die Rettungshubschrauber am Pfingstmontag um den Gipfel der Hochries. Mitten im beliebten Wandergebiet rund um den Samerberg, unter den Augen zahlreicher Bergsteiger, Feiertagsausflügler und anderer Erholungssuchender. „So etwas hatten wir bis jetzt noch nie“, sagt Sebastian Schmid. Der Bergretter von der Bergwacht Rosenheim-Samerberg und seine Kameraden wurden gegen 13 Uhr alarmiert – ein Gleitschirmflieger war in der Nähe des Hochriesgrates abgestürzt. Was danach passierte, war allerdings auch für die Bergretter „außergewöhnlich“.

Die Bergretter waren gerade dabei, sich auf den Weg zu dem abgestürzten Mann unweit des Gipfels zu machen. Bei seinem Absturz hatte sich der 40-jährige Mann in rund vier Meter Höhe in einem Baum verfangen – nur rund 200 Meter von der Bergstation der Hochries entfernt. „Meist fliegen die Gleitschirmpiloten direkt an diesem Grat entlang, weil da die Thermik recht gut ist“, erklärt Schmid. Wegen eines „missglückten Flugmanövers“ sei er in dem Baum gelandet. „Dort hing er relativ sicher und unverletzt, er konnte uns selbst sogar noch anrufen“, sagt Schmid.

Während die Einsatzkräfte mit der Seilbahn in Richtung der Absturzstelle fuhren, klingelte erneut der Alarm. Die Meldung: wieder ein abgestürzter Gleitschirmflieger. Diesmal im Bereich des westlichen Startplatzes neben der Bergstation. Zur gleichen Zeit entdeckten die Bergretter von der Gondel aus an den Hängen der Nordseite der Hochries – nur 200 Meter unterhalb des ersten Abgestürzten – einen weiteren Gleitschirm in den Bäumen. „Da der eine andere Farbe hatte als der erste, war klar: Es gibt noch einen dritten abgestürzten Piloten.“ Die eingehenden Notrufe über die Leitstelle bestätigten dies nur Minuten später.

Frau (36) verletzt sich bei Ausbildungsflug schwer

Um alle drei Piloten schnellstmöglich zu versorgen, teilten sich die Samerberger Bergretter auf. Unterstützung gab es von einer Einsatzmannschaft mit speziellem Baumberge-Equipment der Bergwacht Sachrang-Aschau. „Für die Rettung von Gleitschirmfliegern in Bäumen gibt es ein standardisiertes Set und eine bestimmte Vorgehensweise, wie wir den Baum raufsteigen können“, sagt Schmid. Trotz der speziellen Steigeisen und des Sicherungsmaterials sei es aber je nach Baum und Höhe relativ anstrengend. „Das ist eine ziemliche Kletterei, aber für genau so etwas übt man.“ So kümmerte sich das Baumberge-Team der Aschauer um den unverletzten ersten Abgestürzten, der Rest der Bergretter eilte zur zweiten Absturzstelle. „Darauf lag auf jeden Fall der Fokus, da die Gleitschirmfliegerin schwerere Verletzungen erlitten hatte“, sagt Sebastian Schmid. Die 36-jährige Pilotin muss unmittelbar nach dem Start aus großer Höhe auf den Boden gekracht sein. Offensichtlich knickte die rechte Seite ihres Gleitschirms bei einem Ausbildungsflug ein, teilt die Priener Polizei mit. Eine erste medizinische Einschätzung vor Ort habe ergeben, dass sie sich Verletzungen an der Wirbelsäule und den Beinen zugezogen hat.

Zwei Hubschrauber
im Einsatz

Um sie möglichst schnell und schonend vom Berg zu bekommen, wurde der erste Rettungshubschrauber aus München angefordert. Per Winde hätten die Bergretter und die Hubschrauberbesatzung die Frau aus dem Gelände gerettet und ins Krankenhaus geflogen. Nur Minuten später war der nächste Hubschrauber im Anflug zur Hochries, um den dritten Gleitschirmflieger aus seiner misslichen Lage zu befreien.

Der 67-Jährige sei ebenfalls in einem Baum gehangen – in einer Höhe von rund 15 Metern. „Der Mann war leicht am Sprunggelenk verletzt“, sagt Schmid. Dennoch sei seine Rettung von der Zeit her am aufwendigsten gewesen, betont der Bergretter. Aufgrund der Steilheit der Nordseite und des dichten Bewuchses sei die Bergung nicht einfach gewesen. „Die Absturzstelle war nicht gut zugänglich“, sagt Schmid. Nachdem der Gleitschirmflieger noch vor Ort von einem Notarzt versorgt worden war, wurde auch er mit dem Hubschrauber ausgeflogen.

Allerdings haben er und der erste Abgestürzte „ordentlich Glück“ gehabt. „Im Endeffekt ist es im Falle eines Absturzes fast das geplante Szenario, dass man sich einen Baum sucht“, erklärt der Bergretter. Da der Baum den Absturz etwas abbremse, sei das Risiko von schweren Verletzungen so geringer. „Bei den meisten Fällen, die wir haben, handelt es sich dann ‚nur noch‘ um Schürfwunden und kleinere Verletzungen.“

Warum es überhaupt innerhalb weniger Minuten zu gleich drei Abstürzen kam, ist für den Bergretter ein Rätsel. „Für uns ist das reiner Zufall. Normalerweise haben wir im Jahr im Schnitt zwei Abstürze“, sagt der Samerberger Bergretter. Am Wetter oder an der Tatsache, dass am Montag besonders viele Gleitschirmflieger unterwegs waren, habe es nicht gelegen. „Es gab keine Umstände, die wir sonst nicht auch haben“, sagt er.

Wetter und Bedingungen eigentlich ideal

Das kann auch Tobias Wolfram bestätigen. „Das Pfingstwochenende war fliegerisch genial“, betont der Vorsitzende des Gleitschirmclubs Hochries-Samerberg. Eine solche Häufung an Abstürzen komme „extrem selten“ vor. Zu den Absturzursachen könne er nichts sagen. „Meistens ist es am Ende eine Mischung aus einer unglücklichen Turbulenz und einem individuellen Pilotenfehler“, sagt Wolfram.

Trotz des hohen Flugaufkommens an der Hochries verlaufe die Saison bisher „absolut ruhig“. „Statistisch fliegt aber leider das Restrisiko mit, dass bei unserem Sport etwas passiert.“

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