Rosenheim – Die Spur verliert sich. Immer wieder. Mal im dichten Wald. Mal auf den Feldern rund um die Kampenwand. Seit einiger Zeit streift in den Chiemgauer Alpen ein Wolf umher. Zu Gesicht bekommen hat ihn kaum jemand, manchmal verschwindet er für Monate. Viel ist über ihn auch nicht bekannt. Männlich ist er, aus der Alpenpopulation stammt er. Und er trägt den Namen: „GW4028m“.
Zweifelsfrei ein Wolf auf
dem Foto zu erkennen
Zuletzt aufgefallen war das Tier Mitte März, als seine DNA an einem toten, angebissenen Rotwild im westlichen Priental, unweit von Aschau, gefunden wurde. Seitdem war es still. Bis jetzt.
Das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU), wo alle Sichtungen und Spuren der Raubtiere zusammenlaufen, hat einen neuen Hinweis bekommen: Auf der Liste mit den Wolfsnachweisen ist ein weiterer Eintrag aufgetaucht. So soll am 21. Mai im Landkreis Rosenheim ein Foto eines Wolfes aufgenommen worden sein – in den Chiemgauer Alpen.
Mehr Informationen gibt es nicht. Nicht zum Geschlecht, nicht zur Herkunft. Auch nicht darüber, um welches Foto es sich handelt. Der Wolf könnte in eine Wildtierkamera getappt sein oder mit dem Smartphone fotografiert worden sein. Von wem das Foto gemacht wurde, dazu könnten „aus Datenschutzgründen keine weiteren Angaben gemacht werden“, teilt eine Sprecherin des LfU auf OVB-Anfrage mit. „Das vorliegende Bildmaterial wird als C1-Nachweis gemäß den SCALP-Kriterien gewertet“, sagt sie. Ein C1-Nachweis gehöre zur Kategorie der „hard facts“. Heißt: Die Fakten sind eindeutig, das Tier auf dem Bild konnte zweifelsfrei als Wolf identifiziert werden.
Ob es sich auf dem Bild um den Chiemgauer Wolf „GW4028m“ handelt, beweist das Foto nicht. Diesen verschlug es nachgewiesenermaßen das erste Mal vor rund zwei Jahren in die Region – er riss ein Wildtier im Landkreis Traunstein. Danach tauchte der Wolf immer wieder in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein auf – mal wurde Kot gefunden, mal fand man die Reste seiner Beute oder das Tier wurde fotografiert. Ein Nutztier hat der Wolf bisher wohl noch nicht gerissen.
Wenn, dann konnte das LfU seine Spuren an Wildtieren nachweisen. So zum Beispiel im Februar oder im Dezember 2025. Zwischendurch gab es monatelang gar nichts zu sehen oder zu hören von dem Raubtier, immer wieder verlor sich dessen Fährte. Wohl auch, weil der Wolf auf der Suche nach Beute das ein oder andere Mal nach Österreich wanderte. Rund um Kitzbühel und den Kufsteiner Bezirk – nur rund 50 bis 100 Kilometer vom Chiemgau entfernt – konnte er ebenfalls nachgewiesen werden.
Erlegter Wolf in Österreich
nicht Tier aus der Region
Auf der Tiroler Seite gab es vor einigen Wochen ebenfalls Aufregung um einen Wolf – und das Tier aus dem Chiemgau war Bestandteil der Spekulationen. In der Nacht auf den 1. Mai wurde bei Söll, unweit von Kufstein, ein Wolf von Jägern erlegt – „entnommen“, wie es offiziell heißt. Von den Behörden wurde er als Risiko eingestuft, da er kurz zuvor bei Tageslicht durch eine Ortschaft spazierte. Da sich auch „GW4028m“ nicht weit von dem Ort schon herumgetrieben hatte, lag die Vermutung nahe, dass es sich bei dem toten Wolf um den Chiemgauer Wolf handeln könnte.
Jetzt folgt die Aufklärung: Der tote Wolf von Söll ist ein anderer. „Das Individuum war vorher nicht in Österreich bekannt und hat die Kennung ,456MATK‘ zugewiesen bekommen“, erklärt ein Sprecher des Landes Tirol auf OVB-Anfrage. Zudem stammt der entnommene männliche Wolf aus der italienischen Quellpopulation. Was wiederum bedeutet: Das Tier auf dem Foto im Mai könnte der Chiemgauer Wolf sein, er scheint nach wie vor am Leben zu sein.
Das Rätselraten um den Entstehungsort des Fotos geht allerdings weiter. Auch rund um Aschau geistert die Nachricht über die neue Spur umher. Ob das neue Foto dort in der Nähe aufgenommen wurde, bleibt aber unklar. „Wir haben keine Kenntnis von dem Foto“, sagt Sebastian Klinghardt. Er ist Leiter des Staatsforstbetriebs Ruhpolding, dessen Gebiet bis ins Priental bei Aschau reicht. Von einem Foto hätten seine Berufsjäger und Revierleiter nichts mitbekommen, berichtet er.
Auch auf der westlichen Seite des Prientals in Richtung Hochries hat man nichts gehört oder gesehen, bestätigt ein Jäger aus der Gegend auf OVB-Anfrage.
Keine anderen Spuren
oder Trittsiegel entdeckt
In den Revieren beider Männer war es rund um den Wolf die vergangenen Wochen ohnehin sehr ruhig. Hinweise auf das Tier habe es nicht gegeben. „Wir haben Mitte oder Ende Mai ein totes Reh gefunden, aber da war nur noch das Skelett übrig – schwer zu sagen, ob das ein Wolf war“, sagt Klinghardt. Selbst wenn es das Raubtier war – Fuchs, Dachs und Marder hatten den Rest erledigt. Auch ein natürlicher Tod sei in diesem Fall möglich.
Andere Spuren oder Trittsiegel eines Wolfes seien in der näheren Umgebung auch nicht entdeckt worden. Sebastian Klinghardt erinnert aber auch daran, dass das Gebiet sehr weitläufig ist. Das Foto könnte auch weiter in den Bergen entstanden sein. Zudem könnte es privat aufgenommen worden sein.
So bleibt nichts anderes übrig, als zu warten, bis der Wolf erneut eine Spur in der Region hinterlässt.