Mit E-Mails gegen Sparpaket

von Redaktion

Zwischen Idealismus und Insolvenz: Hausärzte fürchten um ambulante Versorgung – und ihre Existenz

Samerberg – Dr. Christoph Habersetzer liebt seinen Beruf. „Menschen zu helfen, hat mich immer bewegt“, sagt er. Der 49-jährige Internist und Kardiologe will nah am Menschen sein. Deshalb hat er vor sieben Jahren seine berufliche Karriere am Romed-Klinikum in Rosenheim aufgegeben und inzwischen zwei Hausarztpraxen am Samerberg und in Rohrdorf übernommen. In Törwang und Thansau versorgt er mehr als 2.000 Patienten. Er kennt ihr soziales Umfeld, ihre Lebens- und Krankengeschichten.

Sein Start als niedergelassener Arzt war von der Corona-Pandemie flankiert. „Wir waren die zentrale Anlaufstelle für unsere Patienten“, erinnert er sich an eine herausfordernde Zeit. Die Hausärzte trugen die Hauptlast der Pandemie, behandelten 19 von 20 infizierten Patienten, waren das Rückgrat der Impfkampagne und hielten im größten Chaos die medizinische Versorgung aufrecht. „Wir haben es den Kliniken ermöglicht, ihre Ressourcen auf schwerstkranke Menschen zu konzentrieren“, sagt Habersetzer.

Kluft zwischen Kosten und
Honoraren wird größer

Die Preisspirale, die mit der Pandemie begann, wurde durch Ukraine-Krieg und Nahostkonflikt weiter angeheizt. Minimale Anpassungen der Honorare für niedergelassene Ärzte gleichen die Inflation nicht aus. „Zudem spiegelt das Honorar unsere tatsächlichen Leistungen nicht wider“, kritisiert Habersetzer. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen eine altersabhängige Pauschale pro Patient und Quartal. So gibt es für einen gesetzlich versicherten Erwachsenen häufig nur einen Betrag im Bereich von 15 bis 40 Euro pro Quartal – unabhängig davon, ob er einmal oder zehnmal in der Praxis behandelt werden muss.

Mit persönlichen und telefonischen Sprechstunden, Haus- und Heimbesuchen, Verwaltung und Befundzeiten sind Dr. Habersetzer und sein zwölfköpfiges Team an circa 60 Stunden in der Woche für ihre Patienten da. Hinzu kommen Bereitschaftsdienste. Trotz der hohen Arbeitsbelastung können Hausärzte steigende Löhne und Praxiskosten kaum mehr schultern: Mieten, Energie, Benzin, medizinische Produkte, Verbrauchsmaterial, die Wartung der medizinischen Geräte – alles ist teurer geworden.

Hinzu kommen Kredite für die Übernahme der beiden Praxen und ihre Ausstattung mit modernen medizinischen Geräten. Und obwohl die Politik mit hohen Prämien – bis zu 60.000 Euro für eine Niederlassung und 15.000 Euro für eine Filiale – um Landärzte buhlt: Christoph Habersetzer hat keinen Cent bekommen – weil die Region mit Hausärzten gut versorgt sei.

„Die Kluft zwischen steigenden Praxiskosten und stagnierenden Arzthonoraren wird immer größer, wir erwirtschaften keine Gewinne mehr, sondern Verluste“, beschreibt der Mediziner. Die Situation habe sich inzwischen so zugespitzt, dass Hausärzte ihr eigenes Gehalt zurückstellen müssen, um die Gehälter ihrer Mitarbeitenden zu sichern, den Praxisbetrieb aufrechtzuerhalten und die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Aus diesem Teufelskreis auszubrechen, ist unmöglich.

„Als niedergelassener Arzt ist man ja nur scheinselbstständig, weil man die Preise nicht selbst festlegen kann“, erklärt er. Die Honorarhöhe werde in Verhandlungen von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband festgelegt.

Mit dem geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz werden die Hausärzte nun weiter zur Ader gelassen. Um Kosten zu sparen und die gesetzlichen Krankenkassen finanziell zu stabilisieren, soll die hausärztliche Versorgung gedeckelt werden. Zudem werden erst kürzlich eingeführte Leistungen wieder abgeschafft.

Ein weiterer kritischer Punkt ist, dass die Honorare künftig an die Einnahmen der Krankenkassen gekoppelt werden sollen. „Steigen die Gehälter unserer medizinischen Fachangestellten, die Energie- oder Mietkosten deutlich stärker, wird das nicht automatisch ausgeglichen“, kritisiert Habersetzer. Die Praxiskosten steigen dann schneller als die Einnahmen.

Das Beitragsstabilisierungsgesetz sei die „größte Bedrohung für die niedergelassenen Praxen der vergangenen zwei Jahrzehnte“, betont Professor Nicola Buhlinger-Göpfarth vom Hausärzteverband (HÄV) und befürchtet bei Honorareinbußen von 20 Prozent den „Sargnagel für die Niederlassung“. Am bundesweiten Protesttag gegen die Sparpläne (10. Juni) blieb auch die Praxis am Samerberg geschlossen. In einer internen Schulung haben Christoph Habersetzer und sein Team darüber beraten, wie sie die medizinische Versorgung der Menschen in Törwang und Thansau aufrechterhalten und trotzdem überleben können.

„Wir führen die hausarztzentrierte Versorgung ein“, erläutert Habersetzer. Für die Stammpatienten hat das nur Vorteile, denn ihr Hausarzt übernimmt neben der hausärztlichen Versorgung auch ihr Gesundheitsmanagement und koordiniert die Behandlung durch Fachärzte, mögliche Krankenhausaufenthalte, Rehabilitationen oder Therapien. Für das Praxisteam bedeutet es aber, Patienten abzuweisen, die bereits bei einem anderen Hausarzt sind. „Die Behandlung dieser Patienten wird uns nicht honoriert“, so Habersetzer. Ein Problem vor allem für jene Menschen, die sich eine Zweitmeinung einholen wollen. Dafür müssen sie unter Umständen selbst aufkommen.

Auch seine Spezialisierungen als Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie wird er stärker einbringen. Einige Leistungen werden in der hausärztlichen Betreuung von den gesetzlichen Krankenkassen aber nicht übernommen. Denn nicht einmal für den Herzultraschall hat Habersetzer eine Ermächtigung von der Kassenärztlichen Vereinigung erhalten. Mit der Begründung, dass es ausreichend niedergelassene Kardiologen gebe – mit Wartezeiten bis zu einem Jahr.

Mit dem geplanten Sparpaket der Bundesregierung sollen die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung stabilisiert werden. Nach Ansicht von Habersetzer verlagert dies jedoch einen Teil der finanziellen Belastungen auf die Versicherten, denn „die Patienten müssen höhere Zuzahlungen leisten und werden auch mehr medizinische Leistungen aus eigener Tasche finanzieren“.

Dabei könnten zwölf Milliarden Euro im Jahr eingespart werden, wenn der Staat versicherungsfremde Leistungen – etwa die medizinische Versorgung von Bürgergeldempfängern – vollständig übernehmen würde. Damit könnte ein Großteil des für 2027 prognostizierten Defizits von 15 Milliarden Euro abgefedert werden. Auch eine Bürgerversicherung oder eine stärkere Vereinheitlichung der Krankenkassen könnten aus seiner Sicht zur finanziellen Stabilisierung beitragen. „Über solche grundlegenden Reformen wird jedoch kaum diskutiert“, kritisiert Habersetzer.

Protestaktion soll
Versorgung retten

Dafür werden die Hausärzte weiter geschröpft. Irgendwann aber ist auch ihre Schmerzgrenze erreicht. „Spätestens dann, wenn kein Weg mehr aus dem Defizit herausführt“, macht Habersetzer klar. „Eine mögliche Konsequenz wäre die Aufgabe eines Standortes“, erklärt er. Das würde bedeuten, dass eine der beiden Praxen in Törwang oder Thansau geschlossen und Personal abgebaut werden müsste. „Das wäre der letzte Ausweg – mit erheblichen Auswirkungen auf die wohnortnahe medizinische Versorgung“, warnt der Hausarzt.

Niedergelassene Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten sichern 97 Prozent aller Behandlungen ab. Deshalb hoffen sie auf die Unterstützung ihrer Patienten. In einer E-Mail-Aktion können sie sich an ihre Bundestagsabgeordneten wenden und ihre Stimme erheben – gegen das geplante Sparpaket und für den Erhalt der wohnortnahen ambulanten Versorgung.

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