Ziemlich gelassen beäugt die Katze, was auf der Straße vor sich geht. Dort oben, von ihrem Fensterplatz aus, scheint sie den vollen Überblick über die Betriebsamkeit der Menschen in der Fußgängerzone zu haben. Viel ist derzeit überall geboten: Sommer- und Vereinsfeste geben sich die Hand, dazu kommen Geburtstags- und Grillfeiern, und die Fußball-WM lädt zum Public Viewing ein. Die Katze scheint sich von all dem nicht beirren zu lassen. Sie erinnert mich daran, dass nicht alles meine Aufmerksamkeit braucht. Wenn ich ständig mittendrin bin, verliere ich leicht den Blick für das Wesentliche. Auch ein Maler muss hin und wieder einen Schritt zurücktreten, um sein Bild als Ganzes neu zu sehen. Die Gelassenheit der Katze würde ich mir manchmal wünschen. Denn Gelassenheit ist keine Gleichgültigkeit. Sie ist die Kunst, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Auch im Glauben wächst sie aus dem Vertrauen, dass die Welt nicht allein auf unseren Schultern ruht. Vielleicht genügt es manchmal schon, einen Augenblick am Fenster des Lebens zu verweilen: zu beobachten, statt zu urteilen, wahrzunehmen statt zu bewerten. Dann kann sich jene innere Ruhe einstellen, die uns trägt – mitten im Trubel des Alltags.
Foto h. Reiter