Rosenheim – Sabine Reißner und Nicole Hübel beraten im Pflegestützpunkt Rosenheim kostenlos zu Leistungen der Pflegeversicherung, Heimplätzen und möglichen Unterstützungsangeboten und warnen: Das aktuelle Pflegesystem steht vor dem Aus. Im OVB-Interview sprechen sie über den „Dschungel“ des Pflegesystems, fehlende Kapazitäten und emotionale Belastungen für Angehörige und fordern ein Umdenken und den Ausbau ambulanter Strukturen.
Was ist ein Pflegestützpunkt?
Sabine Reißner: Wir sind eine Beratungsstelle. Uns erreichen viele Anfragen, bei denen es meistens um pflegerische oder Versorgungsprobleme geht, die sich nach dem Krankenhausaufenthalt oder im häuslichen Bereich ergeben. Wir weisen dann auf die Leistungen der Pflegeversicherung hin und was unseren Klienten je nach Pflegegrad zusteht.
Warum wurden diese Stützpunkte aufgebaut?
Reißner: Die Idee war, eine unabhängige Anlaufstelle zu schaffen, die einen Überblick über den Dschungel an Leistungen geben kann. Übrigens hat auch jede Pflegekasse die Pflicht, eine Pflegeberatung für ihre Versicherten kostenfrei anzubieten.
Den Pflegestützpunkt in Rosenheim gibt es seit knapp fünf Jahren. Hat die Nachfrage zugenommen?
Reißner: Ja, man merkt schon sehr deutlich, dass die Leute unser Angebot vermehrt wahrnehmen. Auch, weil es kostenlos ist.
Nicole Hübel: Viele schätzen auch die Neutralität, eben nicht zu ihrer Pflegekasse gehen zu müssen.
Das Pflegesystem ist immer wieder Thema. Wo sehen Sie die größten Engpässe?
Reißner: Am deutlichsten merken wir es im hauswirtschaftlichen Bereich. Hier stoßen ältere Menschen als Erstes an ihre Grenzen. Inzwischen haben wir schon einige Agenturen in Stadt und Landkreis, die dafür Hilfe anbieten. Aber da gehen Angebot und Nachfrage noch weit auseinander.
Hübel: Auch die Kapazitäten bei ambulanten Pflegediensten sind gering. Stationär ist es so, dass theoretisch auf Grundlage der Bevölkerungsstruktur die Bettenanzahl einigermaßen gut geplant wäre. Das Problem ist aber, dass Pflegeplätze nicht genutzt werden können, weil das Personal nicht da ist. Auch die ambulanten Pflegedienste könnten theoretisch noch drei oder vier Touren mehr fahren, aber auch hier fehlt das Personal. Ähnlich sieht es bei der Kurzzeitpflege aus, also der vorübergehenden stationären Betreuung, während die Pflege zu Hause ausfällt. Diese Kurzzeitpflege gibt es aufgrund von Personalmangel de facto nicht.
Wenn meine Eltern oder Großeltern einen Pflegeheimplatz benötigen – wann sollte ich mich da am besten schlau machen?
Reißner: Je früher, desto besser. Aber mittlerweile ist es so, dass ein Pflegegrad vorliegen muss. Das ist wirklich das A und O – ohne Pflegegrad wird es ganz schwierig, von einem Heim aufgenommen zu werden. Auf der anderen Seite kann ein zu hoher Pflegegrad auch dazu führen, dass das Pflegeheim den nicht mehr bedienen kann und man daher keinen Platz bekommt. Die größten Chancen für einen Platz sehen wir aktuell bei den Pflegegraden 2 und 3.
Hübel: Früher gab es sogenannte „Rüstigenverträge“, mit denen man sich ohne Pflegegrad oder mit Pflegegrad 1 einmieten konnte. Das machen aber nur ganz wenige Heime, weil sie die Kapazitäten anders vergeben. Außerdem muss man sich das erst einmal leisten können. Ein Heimplatz kostet in der Regel zwischen 3.500 und 4.000 Euro im Monat. Im Rahmen eines „Rüstigenvertrags“ muss ich den Rest, den die Pflegekasse zahlt – 1.500 bis 1800 Euro – zusätzlich selbst übernehmen. Deshalb wird immer erst versucht, so lange wie möglich eine Versorgung zu Hause zu ermöglichen. Dazu kommt, dass viele ältere Leute möglichst lange daheimbleiben oder gar nicht in ein Heim wollen.
Das ist für Angehörige wie Pflegebedürftige oft eine harte Erkenntnis, dass es zu Hause nicht mehr geht. Was empfehlen Sie hier?
Reißner: Offen darüber reden. Das ist in manchen Fällen sehr schwierig, weil man sich ja auch eingestehen muss, dass es nicht mehr geht. Und das ist für die Angehörigen oft schwieriger als für diejenigen, die es betrifft.
Hübel: Es ist auch immer mit schlechtem Gewissen behaftet. Dahinter steckt der Gedanke: „Die Eltern haben mich großgezogen und jetzt kann ich mich nicht kümmern.“ Das ist dann unser Geschick als Berater, einen gangbaren Weg für alle zu finden. Man kann niemanden zwingen, ins Heim zu gehen, außer er ist fremd- oder selbstgefährdend.
Wie sieht es denn mit den verfügbaren Heimplätzen in Stadt und Landkreis Rosenheim aus?
Hübel: Das nimmt sich nicht viel. In vielen Heimen gibt es derzeit nicht mal mehr eine Warteliste. Denn der Aufwand dafür ist oft groß, während freie Plätze nur sehr begrenzt verfügbar sind. Das heißt, man ruft an und hat Glück oder muss es in einer Woche noch einmal probieren. Da muss man hartnäckig bleiben. Wir sagen immer: Nehmen Sie das, was Sie kriegen. Egal erst mal, wo es ist.
Reißner: Wenn jemand an Demenz erkrankt ist, der einen beschützenden Bereich braucht, braucht man spezielle Einrichtungen. Und da gibt es noch weniger Kapazitäten, sowohl in der Stadt als auch im Landkreis.
Welche Personengruppen haben es noch schwer, einen Platz zu finden?
Reißner: Zum Beispiel Menschen mit einer Weg- beziehungsweise Hinlauftendenz, die also ein konkretes Ziel ansteuern. Oder auch extrem adipöse Patienten, die eine bestimmte Kilozahl überschreiten.
Hübel: Hinzu kommen pflegebedürftige Kinder. Deren Eltern sind oft überlastet und bräuchten auch einmal Zeit zum Luftholen. Da gibt es so gut wie nichts. Wir haben eine Einrichtung im Landkreis, die Kurzzeitpflege für Kinder anbietet. Diese Familien darf man aber nicht vergessen. Unser Fokus liegt meist auf den Senioren, aber es gibt ja auch Säuglinge, die bereits nach der Geburt einen Pflegegrad bekommen. Da sind die Eltern meistens die Experten. Aber auch die brauchen Unterstützung, vor allem wenn die Eltern selbst älter werden.
Kann betreutes Wohnen hier Abhilfe schaffen?
Hübel: Betreutes Wohnen wird oft falsch verstanden. Es ist primär nichts anderes als eine barrierefreie Wohnung. Jede einzelne angebotene Leistung, die beworben wird, muss extra bezahlt werden. Und solange Sie keinen Pflegegrad haben, bedeutet das, eine relativ teure barrierefreie Wohnung zu haben.
Wie kann die Zukunft der Pflege aussehen?
Reißner: Der Bedarf wird steigen, die Plätze aber nicht in dem Tempo des Bedarfs. Von daher müssen die ambulanten Strukturen ausgebaut werden, damit die Leute so lange wie möglich zu Hause bleiben können. Und es gilt, vorhandene Heimplätze bestmöglich zu nutzen.
Was auch immer mehr auffällt: Netzwerkstrukturen zu den Nachbarn, zu Bekannten, brechen komplett ab. Und dann fällt die nachbarschaftliche Hilfe weg, die eigentlich ganz leicht und niederschwellig umzusetzen wäre.
Hübel: Veränderungen wird es auch im finanziellen Bereich geben. Aktuell ist oft noch Vermögen vorhanden. Solange Wohneigentum da ist, muss dieses zur Finanzierung der Pflege verkauft werden.
Aber die folgenden Generationen haben dieses finanzielle Polster oft nicht mehr. Da springt aktuell mit dem Bezirk Oberbayern die nächste kommunale Ebene ein, aber dessen Geld ist auch endlich. Ich glaube, diese Konzepte funktionieren in zehn Jahren nicht mehr. Da werden wir Ideen zum Umdenken entwickeln müssen. Nur mit professionellen Pflegekräften können wir die Pflege in Zukunft nicht schultern. Jasmin Eiglmeier