Rosenheim– Die Verzweiflung in Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban ist groß. Ein junger Afghane, der in Rosenheim lebt und dort eine Ausbildung zum Bauzeichner macht, sitzt nach einem Familienbesuch in Kabul fest. Eine Lösung, ob, und wenn ja, wann er zurück nach Deutschland kommen kann, scheint nicht in Sicht.
Quali mit 1,9 abgeschlossen
Hamid Haydari (22) hat nur einen Wunsch: Er will wieder zurück nach Hause – zurück zu seiner Pflegefamilie, seiner Wohnung, seinen Freunden und seinem Alltag. „Ich habe das Gefühl, dass mich die deutsche Regierung vergessen hat“, sagt er. Der heute 22-Jährige ist vor elf Jahren aus Afghanistan geflüchtet. Ende 2014 kam er in Deutschland an und lernte kurz darauf seine Pflegefamilie in Rosenheim kennen, hat Freunde gefunden, die Sprache gelernt und sich ein neues Leben aufgebaut. Mittlerweile hat er eine Aufenthaltserlaubnis aufgrund guter Integration.
„Ich habe den Quali an der Mittelschule in Westerndorf St. Peter mit 1,9 abgeschlossen“, sagt Hamid stolz. Im Hintergrund rauscht es. Die Verbindung ins 6334 Kilometer entfernte Kabul ist schlecht. Davon aus der Ruhe bringen lässt sich Hamid Haydari nicht.
Er erzählt von seinen ersten Jahren in Rosenheim. Jeden Tag sei er um 7 Uhr aufgestanden. Von der Schule ging es zum Deutschunterricht, von dort zurück nach Hause zum Lernen und Hausaufgaben machen. „Es war eine anstrengende Zeit, aber es hat Spaß gemacht“, sagt er.
Neben seinem beruflichen Alltag im Ingenieurbüro, wo er seine Lehre absolviert und der Berufsschule, ist er in Sporthallen zu finden, wo er selbst Boxen und Kickboxen betreibt oder als Trainer arbeitet. „Es gibt sehr viele Menschen, die Hamid als Beispiel einer gelungenen Integration nennen würden und ihn in ihr Herz geschlossen haben“, sagt sein Pflegevater, der anonym bleiben möchte.
Mitten in seinen Erzählungen hält Hamid Haydari plötzlich inne. Es ist still am anderen Ende der Leitung. Fast so, als ob es den 22-Jährigen schmerzt, über diesen Abschnitt zu sprechen. Denn in den vergangenen Monaten muss sich dieses Leben in Deutschland wie eine andere Welt angefühlt haben, da sich Hamid Haydari zurzeit so fern der neuen Heimat befindet.
Der 22-Jährige lebt versteckt mit seinen Eltern in Kabul, in Angst vor den Taliban. „Ich habe mir in den sieben Jahren in Deutschland um meine Eltern und meine Schwester große Sorgen gemacht.“ Aus diesem Grund habe er beschlossen, im Juli Urlaub in Afghanistan zu machen, um dort eine gemeinsame Zeit verbringen zu können.
Terroranschlag nur knapp entkommen
Doch es sollte alles ganz anders kommen. Denn nur wenige Tage, nachdem Hamid in Afghanistan landete, beginnen die Taliban, das Land zu erobern. „Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Meine Eltern haben mir dann gesagt, ich soll hierbleiben“, sagt der 22-Jährige, weil eine Ausreise bereits zu diesem Zeitpunkt unmöglich zu sein scheint. „Die Situation war sehr unübersichtlich.“ Tausende Menschen hätten sich auf den Weg zum Flughafen gemacht und versucht, das Land schnellstmöglich zu verlassen. Geschafft hätten es nur die wenigsten. Aus der Hoffnung heraus, durch westliche Alliierte in den militärischen Teil des Flughafens in Kabul vorgelassen zu werden, befand sich Haydari Ende August in unmittelbarer Nähe des Abbey-Gates – einem Zugangstor zum Gelände des Kabuler Flughafens – und entkam einem tödlichen Terroranschlag nur knapp, da er zwei Stunden vor dem Anschlag das Gelände aufgrund der bedrohlichen Menschenmasse verlassen hatte.
Hamid Haydari gehört also weiterhin zu jenen, die nach wie vor in Afghanistan festsitzen. „Die Situation ist nicht gut, besonders um meine minderjährige Schwester habe ich Angst“, sagt er. Der Hunger nimmt zu, Jobs gebe es unter den Taliban keine. Das Geld ist knapp. Hinzu kommt die Angst davor, dass die Taliban herausfinden, dass er als Jugendlicher nach Deutschland geflüchtet ist. „Ich wüsste nicht, was sie dann mit mir machen wollen“, sagt er. Darüber nachdenken will er nicht, stattdessen versucht er weiterhin, nicht aufzufallen.
Während er in Kabul festsitzt, laufen die Anstrengungen in Deutschland weiter, den 22-Jährigen zurück nach Rosenheim zu holen. So hat beispielsweise der Vorsitzende des Vereins DJK Bavaria, Günter Ziegler, einen Brief an Bayerns Innenminister Joachim Herrmann geschrieben. In diesem schwärmt er nicht nur von seinem Schützling, sondern bittet auch um Unterstützung. „Als Vereinsvorsitzender ist meine Hilfe begrenzt, deshalb wende ich mich an die Politik“, schreibt er. Und weiter: „Wohlwissend, dass Sie hier als bayerischer Staatsminister nicht zuständig sind, finden Sie sicher einen Weg nach Berlin, um der Familie – zumindest aber Hamid – die Ausreise nach Deutschland ermöglichen zu können.“
Zehn Tage später erhält Ziegler eine Antwort vom Innenminister persönlich. Hermann nehme die Lage in Afghanistan aufmerksam wahr und verstehe die Sorge des Vereinsvorsitzenden. „Viele deutsche Staatsbürger wurden bereits aus Afghanistan evakuiert“, heißt es in dem Schreiben. Zudem sei man sich im Rahmen der Sonder-Innenministerkonferenz einig gewesen, Ortskräfte, deren Familienangehörige sowie besonders gefährdete Personengruppen aus Afghanistan schnellstmöglich nach Deutschland in Sicherheit zu bringen. Die Entscheidung über den aufzunehmenden Personenkreis liege allerdings allein beim Bund. Für die Organisation und Durchführung einer etwaigen Ausreise aus Afghanistan sei wiederum das Auswärtige Amt zuständig.
Auswärtiges Amt sieht keinen Weg
Die Antwort auf einen Brief, den seine Pflegefamilie persönlich an Heiko Maas vom Auswärtigen Amt gerichtet hatte, fällt indes ernüchternd aus. Hierin heißt es: „Die Bemühungen der Bundesregierung, eine Ausreise aus Afghanistan zu ermöglichen, werden fortgesetzt für deutsche Staatsangehörige, für Ortskräfte im Geschäftsbereich der Bundesregierung ab 2013 sowie für besonders gefährdete und von der Bundesregierung identifizierte Afghanen, denen bis zum Ende der militärischen Evakuierungsaktion am 26. August eine Ausreise mit der Bundeswehr in Aussicht gestellt wurde. Herr Haydari ist keiner der drei vorgenannten Gruppen zuzuordnen. Die individuelle Risikoabwägung, sich derzeit über den Landweg von Kabul zur Grenze zu begeben, muss er allerdings selbst in Abhängigkeit von seinen persönlichen Umständen vornehmen.“
Das heißt: Hamid Haydari bleibt nur die Möglichkeit, Afghanistan über einen zivilen Flug baldmöglichst zu verlassen. „Aufgrund seines Aufenthaltstitels sind die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür gegeben“, sagt sein Pflegevater.
Die Hoffnung also bleibt, dass sich Hamid Haydaris Wunsch, wieder zurück nach Hause zu kommen, erfüllt.