Rosenheim – Das dumpfe Aufkommen nackter Füße auf der Matte, kurze Kommandos, konzentrierte Stille – im Dojang von Stefan Roitner geht es nicht nur um Technik. Es geht um Haltung. Um Disziplin. Und um etwas, das sich nicht messen lässt. Vier Jahrzehnte steht Roitner hier bereits als Lehrer. Tausende Kicks, unzählige Schüler, mehr als 250 ausgebildete Schwarzgurte. Und doch spricht er nicht von Titeln oder Erfolgen, wenn man ihn nach „Meisterschaft“ fragt. „Meisterschaft ist eine Entwicklungsstufe“, sagt er ruhig. Eine, die aus Erfahrungen entsteht – aus guten, aber vor allem auch aus schwierigen. Rückschläge, Zweifel, Fehler. „All das hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.“
Prüfung zum
7. Dan im Jahr 2024
Dass dieser Weg kein theoretischer ist, zeigt auch ein aktueller Meilenstein: Erst 2024 absolvierte Roitner die Prüfung zum 7. Dan – dem siebten Schwarzgurt und einer der höchsten Stufen im Taekwondo. Ein Zeichen dafür, dass Entwicklung für ihn nie abgeschlossen ist.
Es ist diese Haltung, die sich durch sein Leben zieht – und die nun erstmals in seinem Buch „Meisterschaft im Führen – was wirklich zählt, wenn keiner hinschaut“ greifbar wird. Doch wer hier einen klassischen Ratgeber erwartet, wird überrascht. Roitner gibt keine Schritt-für-Schritt-Anleitungen, keine schnellen Lösungen. Stattdessen stellt er Fragen. Unbequeme, ehrliche Fragen, die den Leser zwingen, bei sich selbst hinzusehen.
„Viele führen mit einem Bild nach außen“, sagt er. Status, Titel, Position. Doch genau daran scheitern viele – am eigenen Ego. Für Roitner zeigt sich wahre Führung nicht im Rampenlicht, sondern im Verborgenen. „Wie verhältst du dich, wenn keiner hinschaut? Bist du dann derselbe Mensch?“ Ein Gedanke, der einfach klingt – und gerade deshalb nachhallt. Dass dieser Ansatz trägt, zeigt sich in seiner täglichen Arbeit. Schüler, die ihm seit Jahrzehnten treu bleiben, ein Verband mit 15 angeschlossenen Schulen – gewachsen aus einer Idee, die auf Gemeinschaft basiert.
Wie stark diese Bindung ist, zeigt ein Blick auf die 13-jährige Katharina. Seit zehn Jahren trainiert sie bei Roitner, im Sommer steht ihre Prüfung zum Poomdan, dem Jugendschwarzgurt, an – längst trainiert sie in den Erwachsenengruppen mit. Was sie an der Sportschule hält? „Ich liebe das Training“, sagt sie. „Es bringt mich jedes Mal an meine Grenzen – und darüber hinaus.“ Auf der Matte bekomme sie den Kopf frei, finde Energie für den oft anstrengenden Schulalltag. „Ich weiß, was ich kann“, sagt sie. „Das macht mich selbstsicher.“ Eine Erfahrung, die ihr weit über den Sport hinaus hilft.
Auch Eltern beobachten diese Entwicklung. Ein Vater berichtet, sein Sohn sei früher schüchtern gewesen und habe in der Schule schwierige Situationen erlebt. „Durch das Training ist er regelrecht aufgeblüht“, sagt er. Heute trete er selbstbewusster auf, fühle sich in der Gemeinschaft des Dojangs aufgehoben. Neben der Kampfkunst lerne er hier auch fürs Leben – wie man mit fremden Menschen umgeht oder in schwierigen Situationen richtig reagiert.
Was Roitner vermittelt, geht damit weit über den Kampfsport hinaus. Taekwondo versteht er als Lebensschule. Disziplin, Durchhaltevermögen, der Umgang mit Rückschlägen. „Scheitern gehört dazu“, sagt er. „Es bringt uns voran.“ Gerade jungen Menschen möchte er vermitteln, was im Alltag oft verloren geht: dranzubleiben, Verantwortung zu übernehmen, sich selbst zu hinterfragen.
Denn genau dort sieht er die größte Herausforderung – nicht im Außen, sondern im Inneren. „Viele Probleme entstehen, weil Menschen nicht bei sich sind“, erklärt er. Weil sie Dinge persönlich nehmen, die gar nicht so gemeint sind. Weil sie reagieren, statt zu reflektieren. Sein Appell ist deshalb so einfach wie anspruchsvoll: authentisch sein, sich selbst kennen, an sich arbeiten. Im Buch finden sich dazu bewusst keine fertigen Antworten, sondern Reflexionsfragen und Impulse. „Jeder darf selbst entscheiden, was er daraus macht.“
Dass dieser Weg kein geradliniger war, verschweigt Roitner nicht. Als 13-Jähriger faszinierte ihn vor allem der Kampf, das Kräftemessen. „Ich bin ein Fighter“, sagt er. Die Rolle als Lehrer entwickelte sich erst später – mit vielen Fehlern. Mit 18 eröffnete er seine erste Schule, lernte, scheiterte, wuchs. Heute sieht er sich weniger als Trainer auf der Matte, sondern zunehmend als Mentor, der andere anleitet, Verantwortung zu übernehmen und ihren Weg weiterzuführen.
Einladung, sich
selbst zu begegnen
Sein Blick richtet sich nach vorne. Weitere Standorte, neue Projekte, mehr Verantwortung für sein Team. Doch was bleibt, soll nicht an Namen oder äußeren Zeichen hängen. „Es muss etwas bleiben“, sagt er. „Nicht ein Bild an der Wand oder ein Schild an der Tür – sondern eine Haltung.“ Und vielleicht ist es genau diese Haltung, die sein Buch ausmacht. Keine Anleitung, kein Konzept – sondern die Einladung, sich selbst zu begegnen. Gerade dann, wenn keiner hinschaut.