Historische Ereignisse in New York: Der erste deutsche Halbfinalist bei den US Open seit 1995. Damals stürmte ein gewisser Boris Becker in die Vorschlussrunde des Grand-Slam-Turniers. Im Jahr 2020 hat Alexander Zverev ihn beerbt. Mit einem Arbeitssieg gegen Borna Coric.
Und nun? Euphorie auf den Straßen? Private Verabredungen zum Zverev-Schauen? Fehlanzeige. Klar, das liegt zum Teil an Corona, aber es hat vor allem mit der Person Alexander Zverev zu tun. Mit seiner Biografie.
Der 23-Jährige ist kein deutscher Held. Oder besser: nicht ausschließlich ein deutscher Held. Junge Tennisstars wie Zverev werden auf der ganzen Welt gefeiert. Egal ob in den USA, China, Indien oder Australien. Dafür müssen die Fans damit leben, dass die neue Generation ihre Erfolge nicht mehr exklusiv für ein Land einfährt.
Beispiel Zverev: Eltern aus Russland, geboren in Hamburg, mit Wohnsitzen in Florida und Monaco. Unter diesen Voraussetzungen ist es kaum möglich, eine nur deutsche Identität zu entwickeln. Seit Kindestagen fliegt Zverev um die Welt. Der 1,98-Meter-Schlacks betont immer wieder, wie ihn Deutschland geprägt hat, aber das haben ihn andere Länder genauso. Das spürt der Fan. Meist flucht Zverev auf Russisch. Nach dem Match gibt er Interviews in perfektem Englisch. Auf Deutsch rutschen ihm immer wieder englische Floskeln raus. Alles nicht tragisch, sondern völlig normal in einer der internationalsten Sportarten überhaupt. In Deutschland herrscht jedoch immer noch die Sehnsucht nach einem 17-jährigen Leimener, der sich auf Englisch genauso abmüht wie seine Fans. Oder nach einer schüchternen Brühlerin, die am liebsten nur ihre gigantische Vorhand sprechen lässt. Bisweilen auch nach einem gebürtigen Elmshorner, der den vermeintlich typischen, etwas unterkühlten Norddeutschen symbolisiert.
Natürlich macht es sich Zverev mit seinen letzten Eskapaden selbst nicht einfach, die Herzen der deutschen Sportnation zu berühren. Aber solche Phasen hatten Becker, Stich und Graf ebenfalls.
Ein deutscher Held wird Alexander Zverev nur werden, wenn wir alle gemeinsam akzeptieren, dass unsere Helden 2020 andere Biografien vorweisen als vor 30 Jahren. Zverev muss dann „nur“ noch den sportlichen Erfolg liefern. Und da ist der tennisspielende Globetrotter gerade auf einem sehr guten Weg.
Daniel.Mueksch@ovb.net