„Meinen Müll muss ich weiter rausbringen“
RINGEN Aline Rotter-Focken über ihr Leben nach Olympia-Gold – und die Sehnsucht nach Ruhe
München – Der aufgerissene Mund, strahlende Augen, ein fast schon ungläubiger Blick. Die Bilder von Aline Rotter-Focken nach dem letzten Kampf ihrer Karriere gehörten zu den emotionalen Olympia-Highlights. Vor vier Monaten rang Rotter-Focken die Amerikanerin Adeline Gray in Halle A der Makuhari Messe nieder. Die Goldmedaille zum Abschluss der Karriere, schöner hätte man das Drehbuch nicht schreiben können.
Aber Tokio ist vorbei, Triberg im Schwarzwald ist wieder der Lebensmittelpunkt der 30-Jährigen. Wie oft denkt man an einem kalten Dezembertag an den olympischen Triumph? Bei Rotter-Focken sind es die stillen, heimlichen Momente, wie sie sagt. Vor dem Schlafengehen, beim Zähneputzen, im Gespräch mit Trainer Patrick Loes. Dann schießen die Erinnerungen wieder hoch. Wie sie die fünfmalige Weltmeisterin Gray zu Boden drückt, sich selbst später aus der Bodenlage befreit und spätestens da weiß: Das ist mein Kampf. „Es ist jetzt nicht so, dass ich jeden Tag aufwache und mir denke: Oh mein Gott, was ist da nur passiert?“, sagt Rotter-Focken im Gespräch mit unserer Zeitung.
Bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres landete die Ringerin auf Platz zwei, hinter Weitsprung-Star Malaika Mihambo. Das Medieninteresse ist nach der goldenen Karrierekrönung noch mal gestiegen. Rotter-Focken findet das fast schon bizarr: „Alle flippen aktuell aus und jeder will was von dir wissen. In dem Moment putzt du dann aber dein Bad und musst auch als Olympiasiegerin weiter deinen Müll rausbringen.“
Die letzten Jahre waren für Rotter-Focken, so beschreibt sie es, ein Selbstfindungstrip. 2016 in Rio fehlte ihr die Abgebrühtheit. Aufgrund von Nervosität startete sie ohne viel Schlaf in die Wettkämpfe, die Nerven versagten, am Ende sprang ein enttäuschender neunter Rang heraus.
Rotter-Focken zog ihre Lehren aus Rio, arbeitete fortan mit einem Sportpsychologen und Mentaltrainer zusammen. Vor Tokio musste sie aufgrund der Pandemie ein Jahr lang jeden Tag in einer leeren Halle trainieren. Zumindest fast leer – ihr Partner, ebenfalls Ringer, durfte dabei sein. Trotzdem war es frustrierend, jeden Tag dasselbe sehen, jeden Tag mit demselben Trainingspartner üben. „Es gab so viele Momente, wo ich daran gezweifelt habe, so viel geweint und gelitten und geackert habe“, sagte sie nach dem Kampf ihres Lebens in Tokio. Mit Tränen in den Augen.
Für Rotter-Focken stand schon lange vor den Spielen fest, dass sie anschließend aufhören wird. Ob mit olympischer Medaille oder ohne. Das war ein Deal mit ihrem Körper, wie sie sagt. Ein Deal, der schon vor fünf Jahren ausgehandelt wurde: „Ich wollte es nicht so lange durchziehen, bis mein Körper um Hilfe schreit.“
Wonach schreit der Körper jetzt, wenn die Wettkämpfe und das tägliche Training nicht mehr da sind? Ein, zwei Mal war Rotter-Focken noch auf der Matte seit Tokio. Aber nur zum Spaß. Angst habe sie schon gehabt, vor einer Leere nach dem Karriereende. Da sie immer mit Leib und Seele Ringerin gewesen sei. Aber für Rotter-Focken steht fest: „Den Leistungssport vermisse ich kein bisschen. Das hätte ich nie gedacht.“ Das harte Training, das Zeitmanagement, das Immer-kaputt-Sein – all das spielt keine Rolle mehr. Der neue Job wird weniger aufregend als die aktive Ringerkarriere. Leistungssport-Koordinatorin beim deutschen Ringer Bund. Erst mal eine trockene Verwaltungsstelle, sagt Rotter-Focken. Aber der Verband stelle sich gerade neu auf, in den letzten Jahren sei viel verschlafen worden. Beispielsweise in den Punkten Öffentlichkeitsarbeit und Athletenförderung. Die gebürtige Krefelderin wird in vielen Arbeitsgruppen sein, will ihre Erfahrungen teilen: „Aber ich werde natürlich nicht die Welt verändern können.“
Rotter-Focken genießt es von ganzem Herzen, kein konkretes Ziel zu haben. Nach Olympia-Gold, dem ersten Lebenstraum, ist nun Zeit, um sich weitere Träume zu erfüllen. 2022 erwartet Rotter-Focken Nachwuchs: „Bei so viel Fülle hatte ich noch gar keine Zeit, Leere zu empfinden. Nach so viel Trubel in den letzten Jahren sehne ich mich aber auch nach Häuslichkeit und Ruhe.“