Der verlorene Sohn: Marokkos Bouaddi. © Krupa/dpa
Boston – Frankreich. Allein der Name des Vize-Weltmeisters lässt den Puls vieler Marokkaner in die Höhe schnellen, vor dem Rendezvous mit der eigenen Geschichte wirkt das ganze Land elektrisiert. Favorit im ersten Viertelfinale sind die französischen Weltstars um Kylian Mbappé, klar. Doch Vorfreude und Zuversicht könnten bei Afrikas letzter verbliebener WM-Hoffnung vor dem Showdown mit der früheren Kolonialmacht größer kaum sein.
„Wir müssen daran glauben, Weltmeister werden zu können“, beschwört Marokkos Trainer Mohamed Ouahbi sein hungriges Team. Der Afrikameister sinnt am heutigen Donnerstagabend (22 Uhr MESZ/ARD und MagentaTV) auf Revanche für das verlorene WM-Halbfinale gegen die Franzosen 2022 und will beweisen, dass der bislang einmalige Coup keine Eintagsfliege war. Marokko, warnte Frankreichs Coach Didier Deschamps dieser Tage eindringlich, sei „eines der besten Nationalteams der Welt“.
Es klingt verrückt, aber der marokkanische WM-Höhenflug anno 2026 trägt ausgerechnet das Gütesiegel „Made in France“. Gleich sechs Spieler der „Löwen vom Atlas“ stammen aus dem Land des zweimaligen Weltmeisters. Leistungsträger wie der erst 18 Jahre alte Ayyoub Bouaddi, der in der Nähe von Paris geboren und in Frankreich ausgebildet wurde. Im März war der Shootingstar vom OSC Lille noch Kapitän der französischen U21. Am Donnerstag soll er nun dabei helfen, Frankreichs Luxus-Offensive um Mbappé und Michael Olise zu stoppen. Olises umstrittene Gelbe Karte aus dem Achtelfinale gegen Paraguay (1:0) bleibt derweil bestehen – sie wurde nicht zurückgenommen. Zusätzliche Brisanz birgt das erst zweite Pflichtspiel beider Nationen durch die Geschichte. 1912 verlor Marokko durch den vom Sultan unterzeichneten Protektoratsvertrag mit Frankreich seine Unabhängigkeit, die das Land erst quälend lange 44 Jahre später zurückerlangte. Französisch wurde die offizielle Sprache in allen Verwaltungsstrukturen und politischen Instanzen. Die französische Polizei dürfte sich jedenfalls wieder für eine heiße Nacht wappnen. 2022 waren rund 10.000 Beamte im Einsatz, um Ausschreitungen zwischen den Fanlagern zu verhindern. Bei bis zu zwei Millionen Menschen mit marokkanischen Wurzeln, die in Frankreich leben, sind Zusammenstöße auch diesmal nicht auzuschließen.