Kampf gegen die WM-Flaute

Nach dem Aus der US-Boys: Fußball-Kollektiv will Turnierstimmung hochhalten

LA-Trio: VBFC-Mitgründer Nick Santhiago (re.) mit Kumpels vor dem Laden. © Tschirpke

Prominente ohne Ende: Brasilien-Legende Ronaldinho kam im Jahr 2024 vorbei. Er wurde im Jahr 2002 Weltmeister.

Superstar zum Anfassen: Real-Madrid-Künstler Kylian Mbappé spielte 2019 auf dem Platz am Strand.

Los Angeles – Die Ausgangslage ist ernüchternd: Für ein paar Wochen herrschte in den USA echte Fußballstimmung, die Amerikaner begannen, ihre Nationalmannschaft für ihren erfrischenden Offensivfußball zu feiern. Dann mischte sich Donald Trump ein, es folgte der riesige Skandal um die zurückgenommene Sperre von Stürmer Folarin Balogun – und die US-Boys schieden sang- und klanglos mit 1:4 gegen Belgien aus dem Turnier aus.

Nachdem neben den USA auch die Nachbarländer Kanada und Mexiko rausgeflogen sind, stellt sich vor Ort nun die Frage: Droht die WM in den USA zur „lame duck“ zu werden – also zu einem Turnier, das bis zum Ende niemanden mehr so richtig interessiert?

Genau dagegen will der „Venice Beach Football Club“ (VBFC) ankämpfen. Der „Selfmade-Fußballclub“ versucht nämlich bereits seit 2016, Soccer in den USA zu etablieren. Und das ist in den Staaten gar nicht so einfach. Schließlich gibt es dort kaum Breitensport, keine klassischen Hobbyvereine und keine Kreisliga. „Entweder man kommt als Jugendlicher in die Akademie eines College- oder MLS-Teams, oder man muss mit Fußball abschließen. Umsonst zu spielen, ist quasi unmöglich“, erklärt VBFC-Mitgründer Nick Santhiago im Gespräch mit unserer Zeitung.

Deshalb veranstaltet er seit mittlerweile zehn Jahren jeden Sonntag einen offenen Kick am Venice Beach, dem berühmten Strandabschnitt von Los Angeles. Anfangs ist das Interesse noch gering, doch durch Kooperationen mit großen Marken wie Nike wächst die Community rasant: Starspieler wie Kylian Mbappé schauen vorbei, andere Profis wie Eduardo Camavinga (Real Madrid) oder Kobbie Mainoo (Manchester United) spielen sogar bei Partien im „Estadio de Dogtown“ mit – so nennen sie den Asphaltplatz direkt am Strand.

Zur WM fährt der VBFC sein Programm dann noch einmal deutlich hoch. In Los Angeles, dem WM-Spielort mit der Nähe zum fußballverrückten Nachbarn Mexiko, soll das Herz des Turniers schlagen. „Wir haben deshalb Public Viewings veranstaltet, die es für Fußball bislang kaum gab“, erklärt Santhiago. Vor allem Spiele mit brasilianischer Beteiligung werden zum Publikumsmagneten. Und weil die Videos der Veranstaltungen in den sozialen Medien viral gehen, wächst das Interesse immer weiter – am Venice Beach Football Club und am Fußball in den USA insgesamt.

Dann folgt allerdings der Knall: Innerhalb nur einer Woche fliegen nicht nur Kassenschlager Brasilien, sondern auch Mexiko, Kanada und die USA aus dem Turnier. Die Sportsbars in Los Angeles leeren sich, auf den Bildschirmen läuft wieder Baseball statt Fußball.

Santhiago will trotzdem gegen die WM-Flaute ankämpfen: „Ich glaube leider, dass die Euphorie um das US-Team schnell wieder abebben wird. Daher wollen wir jetzt umso mehr Kinder für Fußball begeistern, damit sie diesen Sport kostenfrei erleben können.“

Schließlich soll Soccer in den USA nicht nur ein kurzer Hype bleiben, sondern sich langfristig etablieren. Immerhin: Trotz des US-Aus ist der VBFC-Shop am Venice Beach weiterhin gut besucht. Am Dienstag schaute dort Ex-Bundesliga-Profi Ryan Babel vorbei. Vielleicht kickt er beim nächsten Match mit: am Sonntag, direkt am Venice Beach.VINZENT TSCHIRPKE

Samstag, 11. Juli 2026
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