„Menschen sind kompliziert“
Désirée Nosbusch und Matthias Brandt über das Familiendrama „Eine Nacht in Bangkok“
Katharina (Désirée Nosbusch) und Hektor (Matthias Brandt) auf der Suche nach der Wahrheit über ihre Tochter. © Rabold/NDR
So haben sich Katharina (Désirée Nosbusch) und Hektor (Matthias Brandt) ihr Wiedersehen sicher nicht vorgestellt: Nach zehn Jahren absoluter Funkstille trifft das geschiedene Paar im Besucherraum eines Untersuchungsgefängnisses aufeinander. Tochter Lilith wird beschuldigt, mehrere Einbrüche begangen und wertvollen Schmuck gestohlen zu haben. Die Indizien sprechen gegen sie – doch ihre Eltern sind überzeugt: Das kann nicht stimmen. Drehbuchautor Sathyan Ramesh und Regisseur Rainer Kaufmann erzählen in „Eine Nacht in Bangkok“ heute um 20.15 Uhr eine Familiengeschichte, die sich in kein eindeutiges Genre zwängen lässt. Und das macht den ARD-Film so reizvoll, wie Désirée Nosbusch und Matthias Brandt im Gespräch mit unserer Zeitung sagen.
Viel mehr als die Sorge um die Tochter verbindet Katharina und Hektor zunächst nicht. Die Scheidung liegt ein Jahrzehnt zurück und verlief alles andere als friedlich. Katharina lebt inzwischen in Hamburg, Hektor ist mit seiner Gemeinde und seinem Beruf als Geistlicher in Berlin beschäftigt und neu liiert. Zur Tochter haben beide den Kontakt auf sehr unterschiedliche Weise gepflegt. Beim Versuch, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, stoßen sie auf ein erwachsenes Kind, das ihnen erstaunlich fremd geworden ist. War jeder am Ende zu sehr mit sich selbst beschäftigt?
„Menschen sind kompliziert, da glaube ich schon dran“, sagt Matthias Brandt. Das gilt in „Eine Nacht in Bangkok“ nicht nur für seine Figur. Hektor ist ein Geistlicher, der anderen Menschen Orientierung geben soll, während sein eigenes Leben ziemlich chaotisch daherkommt. „Jemand, dessen Leben so ungeordnet ist, soll anderen Orientierung geben. Das fand ich interessant“, erklärt Brandt. Seine Figur lebe von Widersprüchen – und von einer wohltuenden Selbstironie.
Auch Désirée Nosbusch schätzt gerade diese Uneindeutigkeiten. „Es ist gar nicht so leicht, diesen Film einem Genre zuzuordnen“, sagt sie. „Er ist Liebesfilm, Familiendrama und Komödie in einem.“ Keine Frage: Die Mischung ist reizvoll, wirkt an manchen Stellen aber etwas bemüht. Wenn sich Kriminalgeschichte, Familienaufarbeitung und Beziehungskomödie überlagern, verliert die Handlung bisweilen ihren Fokus. Manche Wendung wirkt eher wie ein dramaturgischer Kunstgriff und weniger wie eine zwingende Entwicklung.
Seine stärksten Momente hat „Eine Nacht in Bangkok“ dort, wo er seine Figuren einfach Mensch sein lässt. Wenn Katharina und Hektor erkennen müssen, dass gute Absichten noch lange keine gute Elternschaft garantieren. Und wenn sie aufhören, ihrer Tochter das Leben erklären zu wollen, und anfangen, ihr zuzuhören. Dass diese Annäherung funktioniert, liegt vor allem am Schauspielensemble. Besonders Clara Vogt, die Lilith verkörpert, hat Matthias Brand und Désirée Nosbusch in dieser Dreieckskonstellation beeindruckt: „Als Schauspieler ist man ja Reagierender. Und Clara ist eine außergewöhnliche und wahrhaftige Schauspielerin, die uns inspiriert und gefordert hat“, sagt Brandt im Gespräch. Aber auch Désirée Nosbusch und er verleihen ihren Figuren genügend Ecken und Kanten, damit aus dem zunächst etwas konstruiert wirkenden Familienstreit eine berührende Geschichte über Entfremdung, Vergebung und einen späten Neuanfang wird.
Beim Filmfest München wurde „Eine Nacht in Bangkok“ mit dem Bernd-Burgemeister-Preis für den besten Fernsehfilm ausgezeichnet.ASTRID KISTNER