Der Startschuss für unsere Tour de Rosa ertönt in Edenkoben. Dort wird seit über 1200 Jahren Wein angebaut. Die Rebstöcke erstrecken sich über ein Territorium von 510 Hektar. Somit gilt die Gemeinde als eine der größten Weinbaugemeinden Deutschlands. Der nahe, knapp 100 Kilometer lange Mandelpfad leuchtet schon von weitem. Betört im Nu die Sinne. Diese unglaubliche Farbsinfonie aus weiß und rosa blühenden Mandelbäumchen wirkt sofort auf die Psyche. Wir schnuppern intensiv an den Blüten. Stolpern wie benommen mit einem Dauergrinsen von Baum zu Baum. Während es in vielen Teilen Bayerns noch sehr kalt ist, strahlt im mediterranen Klima der Südpfalz die Sonne. Das rosa Blütenmeer fegt die Frühjahrsmüdigkeit quasi über Nacht hinfort.
Ein Fest für die Sinne
Die Vorbereitungen für die ersten Weinfeste in Edenkoben und Gimmeldingen sind bereits in vollem Gange. Die alten Weinpressen und Fuhrwerke entlang der Edenkobener Mandelmeile werden festlich geschmückt. Die Liebeslauben auf dem Weinlehrpfad herausgeputzt. Mutig wagen wir uns an eine opulente Portion deutscher Kulturgeschichte. Der Pfälzer Saumagen, den unser Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl so sehr liebte und die Kunde darüber so offenherzig und hemdsärmelig auf der ganzen Welt verbreitete, überrascht uns regelrecht. Wir hatten uns – angesichts des kruden Namens – auf ein heftig schweres, mittelalterliches Mahl eingestellt. Aber nein, der Saumagen ist eben kein monumentaler Fleischberg. Er wird in Scheiben serviert. Schweinefleisch, Kartoffeln und Gemüse werden von allen Seiten angebraten.
Die Wanderstrecke des Mandelpfads orientiert sich grob an der Deutschen Weinstraße, macht aber immer wieder vorbildlich markierte extra Schlenker durch den rosaroten Blütenzauber und verknüpft mit zahllosen Wander- und Radrouten durch diese opulente Kulturlandschaft. Ganz nebenbei reiht er unzählige Bilderbuchdörfer mit mittelalterlich anmutenden Fachwerkhäusern und traditionellen Winzerhöfen wie Perlen an einer Kette auf. Auch Siebeldingen ist so ein Kleinod, wo jeder Blick einer Postkarte gleicht. Etwas außerhalb, inmitten der Weinberge befindet sich im Geilweiler Hof ein Ableger des Julius-Kühn-Instituts. Das architektonisch prächtige Karrée mit seinem auffallendem Wehrturm beherbergt die Bundesforschungsanstalt für Rebzüchtung. Hier werden alte Rebsorten gepflegt und neue erschaffen. Die Forschung zielt auf besonders widerstandsfähige Neuzüchtungen, die auch mit dem Klimawandel gut zurechtkommen. Rings um das Institut strahlen die Mandelbaumalleen wie Leuchtstreifen aus dem Grün der Weinlagen und setzen bei jedem Blick Glückshormone in uns frei.
Viele Köstlichkeiten
So beseelt landen wir weiter südlich auf dem Leinsweiler Hof. Treffen dort auf die Kultur- und Weinbotschafterin Gudrun Stübinger-Kohls. Unter einem weit ausladenden Mandelbaum am Parkplatz des Wellnesshotels startet ihre Mandeltour. „Im März 2008 wurde der Mandelpfad eröffnet und verlief anfangs von Maikammer bis Leinsweiler. Doch er wurde kontinuierlich erweitert und reicht heute von Bockenheim bis zum Deutschen Weintor bei Schweigen-Rechtenbach an der Grenze zum Elsass“, so Stübinger-Kohls. Schon zupft sie uns ein paar Blüten vom Baum und lässt uns daran schnuppern. „Es gibt circa 30 Mandelsorten. Die Bäume werden bis zu 60 Jahre alt. Wer weiß, welche Farbe die Blüten der Bittermandel haben? Weiß oder rosa?“ Im Verlauf der zweistündigen Führung reicht uns die Mandelexpertin Schalen verschiedener Sorten zum Tasten und Mandelgebäcke zum Probieren. Unten in Leinsweiler holt sie im Dorfladen kurz einen Winzer hinzu, der uns in die Geheimnisse der Mandeldestillate einweiht und uns einen Mandelschnaps kosten lässt.
Neben Mandeln gedeihen in der südlichen Pfalz auch Kiwis, Feigen und Esskastanien. Den vielen Sonnenstunden und dem geringen Niederschlag sei Dank. Zudem schützt der Pfälzerwald das Gebiet der Weinstraße wie eine Mauer vor der Kaltluft aus dem Westen. Die Pfalz war übrigens schon im 1. Jahrhundert nach Christus von Römern besiedelt und bis ins 5. Jahrhundert Teil des römischen Imperiums. Die Römer waren es auch, die die Mandel über Persien und Griechenland in die Pfalz brachten – gemeinsam mit den ersten Weinreben. Die Tour endet am Slevogthof. Frau Stübinger-Kohls überrascht uns dort mit Picknick-Körben voller Mandeldelikatessen und passendem Wein.
Am nächsten Morgen folgen wir dem Mandelpfad über Bad Bergzabern bis zum Deutschen Weintor bei Schweigen-Rechtenbach. Während der Mandelblüte von März bis April wird das Bauwerk, wie viele andere Sehenswürdigkeiten entlang des Mandelpfads, rosa illuminiert. Wahrlich, das gibt es so nur in der Pfalz. Und zwar zur Mandelblüte, im frühesten Frühling Deutschlands. Norbert Eisele-Hein