Am heutigen Samstag ist es wieder so weit: Beim berühmten Hahnenkamm-Rennen stürzen sich wagemutige Athleten die berühmt-berüchtigte Streif hinunter. Es ist ein Spektakel, das jedes Jahr Tausende in die Gamsstadt und vor die heimischen Fernseher zieht. Beim Hahnenkamm-Rennen treffen Spitzensport, Tradition und Starauflauf aufeinander. Der ehemalige Rennleiter Peter Obernauer gibt uns Einblicke in die Streif – und in einen Ort, der seit Jahrzehnten fasziniert.
Herr Obernauer, Sie waren mehrere Jahre Rennleiter des berühmten Hahnenkamm-Rennens. Warum gehört diese Abfahrt zu den schwierigsten der Welt?
Bei allen anderen Weltcupabfahrten ist es in der Regel so, dass es nach dem Start erst mal „gemütlich“ losgeht. Man macht ein paar ungefährliche Schwünge – dann kommen die Probleme. In Kitzbühel fährt man vom Starthaus hinaus, und es folgen direkt einige der schwierigsten Passagen. Man beschleunigt in sechs Sekunden auf 100 km/h. Dann geht’s in die Mausefalle – ein Sprung über 80 Meter. Man hat keine Zeit zum Nachdenken. Nach der Mausefalle folgt der Steilhang – und dann die Ausfahrt in den Brückenschuss. Auch der Seidlalmsprung, genau in der Mitte der Strecke, hat es in sich. Dann geht’s direkt weiter in den Lärchenschuss und zur Hausbergkante. Beim Zielsprung fliegen die Athleten 60 bis 70 Meter weit. Das ist der schwerste Zielhang im gesamten Wettkampf. An dieser Stelle sind schon sehr viele gestürzt. Man hat den Sprung aber etwas entschärft.
Warum?
Man hat die Passage deshalb entschärft, weil die Rennläufer nicht mehr so viel Zeit haben, um zu trainieren. Früher hatten die Rennläufer täglich zwei Stunden, um diese Passagen zwei, drei Mal auszuprobieren. Jetzt haben sie pro Tag nur einen Lauf – und da wird auch gleich auf Zeit gefahren.
Sie kennen die Abfahrt sehr gut, Sie waren schließlich selbst Rennläufer.
Ja, ich war im Jugendnationalteam. Ich bin zweimal hinuntergefahren. Beim zweiten Mal bin ich im Alter von 19 Jahren schwer gestürzt. Ich bin in den Wald geflogen, weil es damals noch keine Netze gab. Ich habe zwei Jahre gebraucht, mich davon zu erholen – ich hatte mir einen Knöchel gebrochen und alle Bänder gerissen. Ich musste meine Karriere an den Nagel hängen. Aber ich bin später als Vorläufer (An. d. R.: Testet die Piste vorm offiziellen Wettkampf) die Streif heruntergefahren, da bin ich mal die zweitbeste Zeit gefahren (lacht).
Was hat sich an der Streif in den letzten Jahrzehnten verändert?
Sie haben die Sicherheitsmaßnahmen massiv erhöht. Von oben bis unten ist alles mit Sicherheitsnetzen und Matten vollgepackt. Bei uns gab es früher nur einen Staketenzaun aus Holz. Aber früher war die Abfahrt auch nicht so gefährlich, weil das Material nicht so aggressiv war. Wenn man gestürzt ist, dann hat sich das Material gelöst. Die Ski sind weggeflogen aufgrund der Sicherheitsbindung. Heute sind die Fahrer an den Skiern festgenagelt. Die Bindung löst beim Sturz nicht aus. Deshalb gibt es heute mehr Verletzungen. Das muss allerdings so sein, sonst würde die Bindung schon beim Fahren aufgehen – aufgrund der Schläge im Boden und so weiter. Früher ist man in den Kurven gerutscht, heute bewegen die sich keinen Zentimeter. Die Kanten schneiden wie Schlittschuhe ins Eis.
Wann beginnt man, die Streif zu präparieren?
Bei den ersten Minusgraden wird sofort beschneit – was diese Saison im November der Fall war. Heuer haben wir eine 70 Zentimeter hohe Schneeauflage. Das hatten wir fast noch nie. Technischer Schnee ist extrem stabil. Die Piste ist perfekt präpariert, jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen.
Wie vorher schon angedeutet: Beim Hahnenkamm-Rennen gab es schon öfter Stürze. Wie viele haben Sie in Ihrer Zeit als Leiter miterlebt?
In den 25 Jahren wahrscheinlich Hunderte. Die schlimmsten Stürze gab es zu meiner aktiven Zeit. Damals mussten die Skiläufer noch größere Sprünge absolvieren, vor allem im Zielsprung gab es teilweise fürchterliche Unfälle. Aber auch am Hausberg oder bei der Mausefalle. Ich erinnere mich noch an den Sturz von Hans Grugger, da musste ein Arzt vor Ort einen Luftröhrenschnitt machen. Gott sei Dank war dieser direkt vor Ort, sonst wäre Grugger gestorben.
Und nach so einem Erlebnis müssen die anderen Läufer an den Start. Wie schafft man das mental?
Als der berühmte Skifahrer Franz Klammer zum ersten Mal da oben stand, hat er gesagt: „Da fahr ich nicht runter.“ Ist er aber dann doch. Man hat einfach keine andere Wahl, wenn man im Starthaus steht. Man muss hoch konzentriert sein und Gas geben.
Das Hahnenkamm-Rennen zieht auch jedes Jahr viele Promis an. Haben Sie schon den ein oder anderen getroffen?
Es gab mehrere Promis, die die Streif hinunterfahren beziehungsweise anschauen wollten. Zum Beispiel Arnold Schwarzenegger oder der damalige Bundespräsident Österreichs, Heinz Fischer – und noch viele andere. Die habe ich dann teilweise hinuntergeführt, ganz vorsichtig am Rand entlang, wo es nicht gefährlich ist und sie querrutschen konnten. Aber ich habe nur Leute mitgenommen, die auch ordentlich Skifahren konnten. Man kann aber nur hinunterrutschen, denn es ist blankes Eis. Im Fernsehen sieht man das gar nicht so genau, wie hart diese Piste ist. Früher haben wir nach dem Rennen die Strecke fürs Publikum geöffnet. Da gab es allerdings Todesfälle. Das war grauenhaft. Seitdem sperren wir alles ab.
Waren Sie auch mal auf der legendären Weißwurstparty im Stangelwirt?
Ich bin nur einmal hingegangen. Das war mir zu viel Wirbel und zu viel Schickimicki. Da sind mittlerweile 2.000 Leute, die 500 Euro dafür bezahlen, ein paar Weißwürste und Weißbier zu kriegen – grauenhaft.
Zurück zum Sport. Was zeichnet das Skigebiet Kitzbühel aus?
Es ist sehr gut erschlossen, 58 Lift- und Gondelanlagen verbinden alles miteinander. Die sind alle auf dem neuesten Stand, mit Sitzheizung. Lange Wartezeiten gibt es kaum noch. Zudem wird alles künstlich beschneit. Wir haben 13 Speicherseen auf den Bergen und 1.200 Schneekanonen. Da ist Kitzbühel weit vorn.
Was sind Ihre Lieblingspisten?
Die Pisten am Pengelstein, an der Maierl- und an der Fleck-Alm sind super. Ich mag auch das Gebiet am Jochberg.
Wo gibt’s den besten Kaiserschmarrn?
Am Berggasthof Sonnbühel oder in der Seidlalm – dort ist Hansi Hinterseer aufgewachsen.
Wie hat sich der Ort Kitzbühel entwickelt?
Viele Superreiche sind hergezogen. In meiner Jugend saßen wir noch mit Udo Jürgens und verschiedensten Schauspielern im Club „Take Five“ zusammen – und hatten unseren Spaß. Das war eine super Zeit damals, sehr ungezwungen – und wir mittendrin (lacht). Interview: Anna Wagner