Der Bass, der die Welt verbindet

Nach dem Einzug der Gnawa-Gruppen (l.) erfolgt die große Eröffnungsshow auf der Hauptbühne (gr. F.). Fotos Bodo-Klaus Eidmann, Essaouira Gnaoua & World Music Festival

Nach dem Einzug der Gnawa-Gruppen (l.) erfolgt die große Eröffnungsshow auf der Hauptbühne (gr. F.). Fotos Bodo-Klaus Eidmann, Essaouira Gnaoua & World Music Festival

Das Essaouira Gnawa & World Music Festival in Marokko zieht 300.000 Besucher an – wir waren dabei

Ein magischer Bass, metallisches Klirren, ein schneller Trommelschlag und ein Gesang, der an- und abschwillt: Im Städtchen Essaouira an der Atlantikküste Marokkos weht nicht nur immer eine raue Meeresbrise, vor allem pulsiert hier Ende Juni jedes Jahr eine Musik, die als Ursprung des Blues, Jazz und Soul gilt. Das Essaouira Gnawa & World Music Festival bringt seit nun knapp 30 Jahren Tradition, Spiritualität und Popkultur zusammen. Wir sind zu den Wurzeln einer ursprünglichen Musik gereist, die Menschen über Kontinente hinweg verbindet.

Eines vorweg: Marokkanische Beats sind voll nach meinem Geschmack. Über 30 Jahre ist es jetzt her, dass ich als Student in der „Schallplatten-Wundertüte“ in Schwabing eine Vinylplatte herauszog. Wegen ihres exotischen Covers – für stolze 15 Mark. Trotz arabischer Schriftzeichen hatte ich damals recherchiert: Es ist die zweite LP von Nas el Ghiwane, einer Band, die die marokkanische Gnawa-Musik revolutionierte. Die Musik lässt mich seitdem nicht mehr los. Und was für eine Freude, dass ich jetzt selbst in Essaouira stehen darf, an jenem Ort, an dem schon Musikgrößen wie Jimi Hendrix, die Rolling Stones, Cat Stevens und andere Stars mit Gnawa-Meistern jammten.

Musik, die unter
die Haut geht

Aber was bitte ist Gnawa? Gnawa geht auf „Guinea“ zurück und meint Nachfahren ehemals versklavter Menschen aus der Subsahara in Afrika. „Gnawa ist eigentlich eher traurig“, berichtet der Instrumentenbauer Essaid Rhatrhat aus Essaouira. „Eine spirituelle Heilungsmusik.“ Im Zentrum steht die Guembri, ein dreisaitiger Bass aus Pappelholz, bespannt mit Kamelhaut. Sie wird vom Maalem, dem Gnawa-Meister, gespielt und führt ein Ensemble an. Der Klang des Basses legt das Fundament. Hinzu kommen Qraqeb (Kastagnetten aus Eisen) sowie eine Tbel (große Trommel). Rhatrhat baut seit 50 Jahren Instrumente; sein Vater soll sogar eine für Jimi Hendrix geschaffen haben. Eine marokkanische Expertin, die sich in Essaouira richtig gut auskennt, wenn es um Gnawa geht, ist Neila Tazi.

Vom Straßenritual zur
großen Bühne

Neila Tazi ist Direktorin und Gründerin des Festivals und mit der Grund, dass diese Musik auf einmal hunderttausende Menschen anzog. „Wir wollten einer außergewöhnlich schönen Kultur mehr Raum geben – und musikalische Begegnungen ermöglichen“, sagt Tazi. Schon früh kamen internationale Musiker nach Marrakesch und Essaouira, um mit Gnawa-Meistern zu spielen. „Viele sahen die Gnawa nur als Straßenmusiker“, erzählt Tazi. „Dabei umfasst ihre Kultur viel mehr als Musik: Spiritualität, Heilung, Rituale, Trance.“ Das Festival wurde schnell größer als erwartet.

Carlos Santana war
tief bewegt

Für viele Musiker ist die erste Begegnung mit Gnawa ein Schlüsselmoment. Festivalleiterin Tazi erinnert sich an ein frühes Konzert: „Als Carlos Santana erstmals mit einem Gnawa-Meister spielte, war er tief bewegt. Bassisten und Gitarristen spüren sofort die besondere Kraft des Guembri.“ Ähnlich ging es später Jazzgrößen wie Marcus Miller oder Musikern aus der afrikanischen Diaspora. „Sie erkennen in dieser Musik gemeinsame Wurzeln“, sagt Tazi. „Gnawa verbindet.“ Das Programm 2026 ist weit gesteckt, reicht von The Harlem Spirit of Gospel by Anthony Morgan über elektronische Musik von Jasmin Hamdan bis zu diversen Gnawa-Meistern.

Der Maalem:
Hüter der Tradition

Einer der bedeutendsten Vertreter dieser Tradition ist Maalem Hamid El Kasri. Seit mehr als fünf Jahrzehnten lebt er diese Musikkultur. „Ein Gnawa-Meister zu werden, ist ein lebenslanger Weg“, sagt El Kasri. „Man muss nicht nur die Musik kennen, sondern auch die Geschichte, die Rituale und die spirituelle Bedeutung.“ Viele der ältesten Lieder werden bis heute in der Sprache Bambara gesungen, die eigentlich aus Westafrika stammt. „Sie erzählen von Leid, Erinnerung und Hoffnung“, so El Kasri. Bei einer Zeremonie ist oft auch eine Mqaddema, eine Frau von der Partie. Sie leitet das Ritual spirituell, reinigt mit Weihrauch Raum und Teilnehmende, steuert Trance, Ablauf und Schutz der Zeremonie.

Beim Festival entstehen viele musikalische Begegnungen spontan. „Wir suchen nach Gemeinsamkeiten“, erklärt El Kasri. „Oft entsteht die Musik erst während der Proben. Wir arbeiten ohne Noten – alles basiert auf Zuhören und Vertrauen.“ Legendär ist seine Zusammenarbeit mit dem Musiker Jacob Collier. Nach nur einem Video entwickelte Collier ein Arrangement für über 50 Musiker und Maalem Hamid El Kasri, das in der Royal Albert Hall in London aufgeführt und aufgenommen wurde. „Jacob sagte: Es fühlt sich an, als hätten wir unser ganzes Leben zusammen musiziert“, so El Kasri.

Trance und Heilung

Zentral für Gnawa sind Lila-Zeremonien, nächtliche Rituale mit festgelegten musikalischen Abläufen und Farben. Weiß, Schwarz, Blau, Gelb, Grün, Rot oder Grau. Die Farben der Tücher, Gewänder, Fahnen und Kopfbedeckungen stehen für Energien und emotionale Zustände. „Wir spielen nicht für uns selbst, sondern für die Menschen, die in Trance fallen“, sagt El Kasri. Den Klängen wird nachgesagt, dass sie Heilung bringen können. Heute hören Menschen weltweit Gnawa-Musik. „Sie verstehen die Worte nicht“, sagt El Kasri, „aber sie fühlen die Musik.“ Vielleicht liegt darin das Geheimnis dieses Sounds: Gnawa ist Musik für Körper und Seele. Ein Bass, der Menschen verbindet. Bodo-Klaus Eidmann

<p>Essaid Rhatrhat (l.) stimmt eine Guembri an.</p>

Essaid Rhatrhat (l.) stimmt eine Guembri an.

<p>Der Autor mit seiner ersten Gnawa-LP.</p>

Der Autor mit seiner ersten Gnawa-LP.

Montag, 13. Juli 2026
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