Im Schneckentempo durch Okzitanien

von Redaktion

Mit dem Hausboot auf dem Canal du Midi – eine Reise zwischen Wasser, Wein und Geschichte

Als sich die schweren Tore der ersten Schleuse vor dem Bug öffnen, macht sich Nervosität breit. Da soll das Hausboot hinein – gemeinsam mit zwei weiteren Booten? Am Steuerstand auf dem Dach kaut der frischgebackene Freizeitkapitän auf der Unterlippe. Nervös, kein Wunder! Doch, was wie ein Ding der Unmöglichkeit erscheint, nämlich das Boot ohne Blessuren in die Schleusenkammer zu bugsieren, entpuppt sich als ein Kinderspiel. Dank der Bug- und Heckstrahlruder lässt sich die schwimmende Unterkunft problemlos manövrieren.

Ein Crewmitglied springt an Land, legt die Taue um rostige Poller. Festbinden wäre ein Fehler: Je nachdem, ob das Boot steigt oder sinkt, müssen die Leinen nachgegeben oder angezogen werden. Dann schließen sich die Tore quietschend. Zentimeter für Zentimeter senkt sich das Boot wie in einem Aufzug. Der Moment, wenn sich das vordere Schleusentor wieder öffnet, hat etwas Magisches. Licht bricht durch die Öffnung. Vor einem liegt ein neues Stück Wasserstraße, das entdeckt werden will.

Schauplatz ist der Canal du Midi im Südwesten Frankreichs. Das Meisterwerk des 17. Jahrhunderts verbindet Toulouse mit dem Mittelmeer und gehört seit 1996 zum Unesco-Welterbe. Für die einwöchige Hausboot-Reise (etwa bei Veranstalter Le Boat, leboat.com) haben wir ein besonders schönes Teilstück der rund 240 Kilometer langen Strecke ausgewählt. Es liegt im Herzen der Region Okzitanien und führt von Homps bis Portiragnes-Plage. Der Abschnitt bezaubert Besucher mit seiner Vielfalt an Landschaften und einzigartigen Attraktionen.

Eine davon ist das Oppidum d’Ensérune. Die Überreste der antiken gallo-römischen Siedlung liegen über dem Dorf ­Colombiers. Der Aufstieg zur Ausgrabungsstätte lohnt wegen der atemberaubenden Aussicht. An klaren Tagen sieht man im Norden die Cevennen und im Süden die silhouettenhaften Ausläufer der Pyrenäen.

Direkt darunter breitet sich der Étang de Montady aus. Das ehemalige Sumpfgebiet wurde im Mittelalter trockengelegt und in keilförmige Felder geteilt, die sich sternförmig um einen Mittelpunkt gruppieren. In Argens-Minervois säumen alte Steinhäuser die stillen Gassen. Über dem Ort wacht eine Burgruine. In einem Innenhof schenkt ein Winzer tiefroten Minervois aus und erzählt von Reblausplagen, versengten Sommern und dem Winter 1956, als der Kanal zufror. Geschichten, für die es Zeit braucht. Bei diesem Hausboot-Urlaub ist sie vorhanden.

Der Canal du Midi zwingt nicht zur Eile. Im Gegenteil: Er lässt sie nicht zu. Maximal acht Stundenkilometer sind erlaubt. Aus gutem Grund. Schneller fahrende Boote erzeugen Bugwellen, die das Ufer abtragen und den über 350 Jahre alten Mauern der Brücken und Aquädukte schaden.

Am zweiten Tag erscheint Le Somail wie eine Filmkulisse: eine steinerne Bogenbrücke, eine alte Herberge, eine Kapelle und die Ruine eines Eiskellers erinnern an die Zeit, als hier Postboote Station machten. Die größte Attraktion ist „Le Trouve Tout du Livre“, ein riesiges Antiquariat mit dicht gefüllten Regalen. Zwischen alten Bildbänden, Romanen und Landkarten vergeht ein Tag.

Anlegen darf man, wo man mag. Auch mitten in der Natur. Am Abend köchelt Ratatouille in der Kombüse. Die Sonne sinkt hinter den Weinbergen, am Morgen liegt Nebel über dem Kanal. Zu hören sind nur das Plätschern des Wassers an der Bordwand, der Wind im Schilf und das Knarzen der Taue. Die Tage dehnen sich, die Gedanken auch. Es gibt kein WLAN, keine Termine. Nur Wasser, Wind und Zeit.

Die spektakulärste Attraktion wartet bei Béziers. Die Schleusentreppe von Fonseranes hebt und senkt Boote über mehrere hintereinanderliegende Kammern – ein Meisterwerk barocker Ingenieurskunst. Fast eine Stunde dauert die Passage. Am Ufer verfolgen Spaziergänger, wie die Boote in Zeitlupe Stufe um Stufe hinab- und hinaufsteigen.

Hinter Béziers verändert sich die Landschaft. Weinberge weichen Salzwiesen. Das Boot schippert an Nutrias vorbei – und an anderen Booten. Die Menschen winken. Auch das ist Teil dieser entschleunigten Welt: der Gruß, das Miteinander, das Lächeln über das Wasser hinweg.

Am letzten Tag wird Portiragnes-Plage erreicht, wo der Kanal du Midi das Mittelmeer fast berührt. Nach dem Anlegen geht es zu Fuß den knappen Kilometer zwischen Kanal und Meer bis zum Strand. Hinter uns liegen 85 Kilometer, 17 Schleusen – und die herrliche Entdeckung der Langsamkeit. Christiane Neubauer

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