Rosenheim/Wasserburg – „Wir hatten gerade die Frühjahrsware bekommen, Ostern stand vor der Tür – und dann kam der Lockdown“: Sybille Schumacher vom Innkaufhaus Wasserburg hat wie ihre Belegschaft, wie überhaupt der Einzelhandel, heftige Wochen hinter sich. Mit Zusammenhalten und Einfallsreichtum kam das Innkaufhaus durch Schließung und Pandemie-Krise. So fuhren die Basketballerinnen des TSV Wasserburg Ware aus, die Kunden online bestellt hatten. „So waren wir beschäftigt, und die Kunden waren happy“, erzählt Schumacher.
Anreiz für die
Kauflaune?
Ob die Einzelhändler über die Maßnahmen der Großen Koalition gegen die drohende Wirtschaftskrise vergleichbar „happy“ sind: Das scheint fraglich. „Was bringen zwei oder drei Prozent?“, sagt Alois Müller vom Gewerbeverband Bernau. „Wenn Sie ihr ganzes Büro umstellen müssen, für ein halbes Jahr – ob sich das auszahlt?“
Mit der Absenkung der Mehrwertsteuer will die Bundesregierung die Kauflaune der Konsumenten reizen. Offiziell beginnt die Maßnahme am 1. Juli und endet am 31. Dezember. Die Mehrwertsteuer beträgt für das halbe Jahr nur noch 16 statt 19 Prozent. Der ermäßigte Satz, der für viele Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs gilt, sinkt von sieben auf fünf Prozent.
Hört sich einfach an, ist aber großer Aufwand für die Einzelhändler. Markus Steigenberger vom Edeka in Kiefersfelden sagt: „Es hätte sicherlich über Zuschüsse unbürokratischere und einfachere Lösungen gegeben.“ Die Senkung der Steuer bringt zudem großen Klärungsbedarf mit sich. Sybille Schumacher sagt: „In ein paar Tagen geht es schon los, und noch ist eigentlich nicht klar, was man darf und was nicht.“ Oder auch nur, wo das an der Steuer ersparte Geld bleibt. Die von den OVB-Heimatzeitungen befragten Anbieter sind sich offenbar einig. Sie wollen den Vorteil durch die Steuersenkung an die Kunden weitergeben. Wie das geschehen soll, ist noch nicht ganz klar. Es gibt natürlich die Möglichkeit, die Preisetiketten anzugleichen. Das wird aber desto aufwendiger, je größer die Produktpalette ist.
„Nicht zu stemmen, nicht für eine begrenzte Zeit“, sagt Sybille Schumacher. Sie müsste Zehntausende von Artikeln umzeichnen lassen und wird daher wohl ebenso wie viele andere einen Rabatt an der Kasse gewähren. Dazu muss man sich allerdings erst mal an die elektronischen Systeme wagen. „Ich warte noch auf eine Lösung vom Kassenhersteller“, sagt Maria Reiter von Beo Trachten und Mode in Rosenheim.
Barbara Loidl von der Metzgerei Loidl weiß schon, dass sie auf die eigenen Fertigkeiten vertrauen muss. Der Experte vom Kassenhersteller habe mit Verweis auf zahllose Anfragen in diesen Tagen schon abgewunken. „Ich muss mich da noch ranarbeiten“, sagt sie und lacht. „Zehn Tage Zeit habe ich ja noch, und ich bin immer sehr spontan.“
Markus Steigenberger aus Kiefersfelden wird seine Artikel nach und nach preislich anpassen, je nachdem, wie sie geliefert werden. „Das wird sehr transparent sein. Die richtig ungeraden Zahlen – das sind die neuen Preise.“ Zahlreiche Einzelhändler haben schwer gelitten unter Lockdown und genereller Kaufzurückhaltung der Kunden. Ob die Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16, beziehungsweise von sieben auf fünf Prozent nun der Weisheit letzter Schluss ist? „Grundsätzlich kommt es uns entgegen, wenn die Politik ein positives Signal gibt“, sagt Maria Reiter, deren Geschäft die Absagen von Volks- und vielen Familienfesten spürt. „Ob das jetzt das richtige Signal ist, da bin ich am Zweifeln.“
Was sie sich vorstellen kann: die Verlagerung des Sommerschlussverkaufs nach hinten, schon um die Saison nach den wochenlangen Schließungen wenigstens halbwegs in Richtung Normallänge zu bekommen. Und als vernünftigen Schritt, ganz unabhängig von der Corona-Pandemie. „Im Normalfall gibt’s ja im August schon Daunenjacken“, sagt sie. „Das ist absurd.“
Ein Schnellschuss
der Politik?
Willi Bonke, Mitglied der Geschäftsleitung der Auto Eder Gruppe, erwartet „keine besonderen Impulse“. Er hat zwar einige Kunden, die den Kauf des Autos jetzt doch in den Juli verlegen, aber insgesamt seien die Auswirkungen gering. Eine Prämie für saubere Verbrenner oder E-Mobilität hätte mehr gebracht, findet er.
Ein Kaufanreiz kommt von unerwarteter Seite. Willi Bonke berichtet von einer Corona-Folge. Weil viele Pendler wegen Furcht vor Ansteckung vom Zug aufs Auto umsteigen, sei der Verkauf an sauberen Gebrauchten in den vergangenen Wochen „deutlich gestiegen“.