Neubeuern – „Irritiert“ ist das Wort, das Christian Kern als erstes in den Sinn kommt, als er beim Wirtschaftsforum des Internatsgymnasiums Schloss Neubeuern auf den Brenner-Nordzulauf angesprochen wird. „Ich frage mich schon, warum es eine so große europäische Wirtschaftsmacht nicht schafft, eine Entscheidung zu treffen, die nicht nur unsere beiden Länder, sondern ganz Europa betrifft“, sagte der Ex-Bundeskanzler von Österreich.
Kern weiß dabei ganz genau, wovon er redet, stand er doch sieben Jahre an der Spitze der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und war beim Bau des Inntaltunnels sowie beim Spatenstich des Brenner-Projekts dabei. Umso verwunderter ist Kern darüber, woran es seit Jahren auf deutscher Seite hakt. „Ich habe keine wirkliche Erklärung dafür. Damit schadet Deutschland sich selbst“, wird er deutlich.
Auf Tiroler Seite ist man bei dem Projekt ein gutes Stück weiter, hat die Fertigstellung nun aber ebenfalls verschoben. Der genannte Grund von ÖBB und Landesregierung: die Verzögerungen auf deutscher Seite. Denn die Entscheidung über den deutschen Bau liegt nach wie vor beim Bundestag – Ergebnis offen. „Und ganz ehrlich, zuversichtlich bin ich nicht“, sagt Kern, der dann doch noch einen Erklärungsversuch wagt.
„Für mich ist die Diskussion um den Brenner-Nordzulauf ein Symbol dafür, warum Europa so dasteht, wie es im Moment der Fall ist“, meint er. Der eigene Kirchturm ist laut Kern oft wichtiger als ein gemeinsames Europa. Oder, wie im Fall des Brenner-Nordzulaufs: Das eigene Feld ist wichtiger als die viergleisige Transportachse von Italien bis nach Skandinavien.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist in Österreich oft auch nicht anders“, meint der Ex-Kanzler, der das Phänomen schon vor seiner Amtszeit zwischen Mai 2016 und Dezember 2017 beobachtete.
„Wir haben zum Beispiel 25 unterschiedliche Regularien für die Müllentsorgung und immer noch keinen europäischen Standard“, sagt Kern. Der Österreicher versucht, ein Umdenken zu erreichen. Als Vizepräsident des Europäischen Forums Alpbach setzt sich der 60-Jährige für europäische Lösungen ein. Vor allem junge Menschen, wie die Schüler in Neubeuern, möchte Kern erreichen. „Gerade jetzt, wo ein vermeintlicher Freund wie die USA durch Donald Trump eher zum Europa-Gegner wird.“
Für die Schüler der sogenannten „Politik-Gilde“, einem ausgewählten Schwerpunktfach am Internat, hatte er vor allem einen Tipp: „Lesen, lesen, lesen. Egal aus welchem Fachbereich. Macht euch selbst ein Bild und versucht, Zusammenhänge zu verstehen.“ Nur so könne man die Grautöne und Motive erkennen, in denen sich die Menschen auf der Welt bewegen. Korbinian Sautter