Was der Chili-con-Carne-Index verrät

von Redaktion

VON ROLF OBERTREIS

München – Um 0,6 Prozent sind die Preise in Deutschland im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Bezogen auf den April 2020 sind sie nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sogar um 0,1 Prozent gefallen. Das Leben in Deutschland ist also billiger geworden. Im Schnitt jedenfalls. Manche Verbraucher reiben sich verwundert die Augen. Die Preise sind doch in Zeiten von Corona deutlich gestiegen – im Supermarkt, beim Friseur, in Restaurants. „Gefühlt“ ist das Leben teurer geworden. Das gilt aber nicht in der Gesamtschau und damit auf der Basis von Preisen für rund 650 Waren und Dienstleistungen und des durchschnittlichen Warenkorbs, den die Statistiker Monat für Monat betrachten und aus der sie die Inflationsrate errechnen.

Wissenschaftler der Universität Hohenheim untermauern den Eindruck vieler Verbraucher. Sie haben den „Chili-con-Carne-Index“ entwickelt. Er zeigt, wie sich die Preise für die wichtigsten Zutaten für dieses beliebte Gericht entwickeln. Dazu analysieren sie Daten für 70 Produkte aus dem Online-Angebot europäischer Supermarktketten und zeigen zusammengefasst die Preisdynamik für Hackfleisch, Karotten, Mais, Paprika, Tomaten, Zwiebeln und Beilagen. Ergebnis: Von Anfang Februar bis Mitte April sind diese Preise um sechs Prozent gestiegen, bis Ende Mai sind die Zutaten sogar um 7,5 Prozent teurer geworden. 14,7 Prozent betrug der Preisaufschlag bei Paprika, knapp 14 Prozent bei Mais, 12,8 Prozent bei Tomaten und gut acht Prozent bei Karotten. Auch Hackfleisch und Zwiebeln verteuerten sich mit jeweils rund vier Prozent deutlich über der Inflationsrate.

„Durch die Corona-Krise hat sich das Konsumverhalten geändert“, sagt Jan Swiatkowski vom Institut für Financial Management der Uni Hohenheim. „Es ist zu befürchten, dass sich die Preissteigerungsrate für Haushalte mit niedrigem Einkommen deutlich von der anhand des Warenkorbs ermittelten Inflationsrate unterscheidet.“

Weil eben wirtschaftlich schwächere Haushalte relativ gesehen mehr für Lebensmittel ausgeben. Der Chili-Index, sagt Swiatkowski, mache Inflation für diese Menschen „erlebbar“. Der Warenkorb müsse dynamischer gestaltet werden und widerspiegeln, was wirklich nachgefragt werde. Das sind natürlich auch Benzin und Diesel, Fernsehgeräte, Computer, Waschmaschinen oder andere Gebrauchsgüter – aber eben nicht täglich oder an mehreren Tagen in der Woche wie Lebensmittel. Freilich weisen auch die Bundesstatistiker auf diese Entwicklungen hin. Für Nahrungsmittel- und nicht alkoholische Getränke haben sie für Mai um 4,5 Prozent höhere Preise errechnet, nach einem Aufschlag von sogar 4,8 Prozent im April und 3,7 Prozent im März. Für frisches Gemüse und Kartoffeln sind die Preise im April um 7,9 Prozent geklettert. Preissprünge sind in dieser Kategorie allerdings nichts Ungewöhnliches: Im August vergangenen Jahres lag das Plus wegen der Trockenheit bei fast 16, im Februar 2017 wegen der außergewöhnlichen Kälte sogar bei knapp 32 Prozent. Ein Jahr später gab es wegen der ebenso ungewöhnlichen Wärme einen Preisverfall bei frischem Gemüse und Kartoffeln von fast 24 Prozent. Damals haben die Verbraucher beim Einkauf also profitiert.

Ökonomen sehen keinen Anlass, an der Darstellung der Inflationsrate etwas zu ändern. Da gebe es keine Verzerrungen, sagt Ralph Solveen, stellvertretender Chef-Volkswirt der Commerzbank. „Gerade für Familien mit niedrigerem Einkommen ist es auch sehr wichtig, dass die Miete und die Energiepreise nur langsam steigen oder derzeit sogar fallen.“ In der Vergangenheit habe es mehrere Indizes gegeben. Die Unterschiede hätten sich aber meistens in Grenzen gehalten. Tatsächlich sind die Energiepreise zuletzt stark gefallen.

Auch Gaststättenbesuche und der Gang zum Friseur dürften nach der Wiedereröffnung teurer geworden sein. Genaue Daten haben die Statistiker noch nicht. Restaurants berechnen mitunter eine Corona-Service-Pauschale von drei Euro pro Tisch. Ähnliches soll bei Friseuren der Fall sein. Generell wird es vor allem für die Herren teurer, weil jetzt immer die Haare gewaschen werden müssen.

Im Gegenzug gab es aber nach der Wiedereröffnung der Geschäfte zum Teil erhebliche Rabatte. Bekleidungshäuser gewährten in den ersten Tagen zum Teil 30 Prozent auf ihr gesamtes Sortiment. Und wer etwa auf die Preise von Flachbildfernsehern schaut, stellt schnell fest, dass sie zwar gleich bleiben oder nur leicht steigen, dafür aber der Bildschirm immer größer wird und noch mehr Leistung in den Geräten steckt. Ähnliches gilt für Computer. Entscheidend ist also das Konsumverhalten. Wer kein Auto fährt, den interessieren die Preise für Benzin und Diesel nicht. Bei Vegetariern ist das für Fleisch der Fall. Deshalb gibt es auf der Homepage des Statistischen Bundesamtes (www.destatis.de) einen persönlichen Inflationsrechner.

Wirtschaftlich Schwächere geben relativ gesehen mehr für Lebensmittel aus

Wer kein Auto fährt, den interessieren die Preise für Benzin und Diesel nicht

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