Protest gegen „Brutalo-Pläne“ bei VW
VW-Konzernchef Oliver Blume. © R. Hartmann, AFP (Archiv)
Das Audi-Werk Neckarsulm soll nach Plänen des VW-Vorstandes offenbar 2034 schließen. © Bernd Weißbrod, dpa
Bundesweit protestierten gestern Beschäftigte des Volkswagen-Konzerns gegen die Sparpläne des Vorstands – wie hier im VW-Werk Zwickau. © Jan Woitas, dpa
Wolfsburg/Osnabrück/Stuttgart – Die IG Metall hat gestern mit bundesweiten Aktionen gegen drohende Werksschließungen und einen weiteren Stellenabbau bei Volkswagen mobil gemacht. Der VW-Aufsichtsrat wollte am Donnerstagnachmittag zusammenkommen, um über neue Sparpläne für den Konzern zu beraten. An mehr als einem Dutzend Standorte waren Proteste geplant. In Wolfsburg kamen mehrere hundert Personen zu einer Kundgebung direkt am Vorstandshochhaus. Dort wollte der Aufsichtsrat beraten.
Konzernchef Oliver Blume hatte bereits im Frühjahr angekündigt, den Sparkurs deutlich verschärfen zu wollen. Laut „Manager Magazin“ könnten bis zu 100.000 Stellen weltweit wegfallen, doppelt so viele wie bisher geplant.
Vier Werken des VW-Konzerns in Deutschland droht demnach sogar die Schließung: Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm. Laut „Spiegel“ könnte die Fahrzeugproduktion dort bis Ende 2034 auslaufen: Ab 2031 zunächst in Zwickau und Emden, 2032 bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover und 2034 bei Audi in Neckarsulm, schreibt das Blatt.
Vor der Aufsichtsratssitzung sagte ein Sprecher: „Die genauen Inhalte des Zukunftsplans und die damit verbundenen notwendigen Maßnahmen werden heute zwischen Aufsichtsrat und Vorstand der Volkswagen AG erörtert.“ Dabei gehe es unter anderem darum, Komplexität zu reduzieren. „Und ja, wir werden auch Überkapazitäten abbauen müssen.“
Die IG Metall will Widerstand gegen „Brutalo-Pläne der Konzernspitze“ leisten, wie sie mitteilte. „Im ganzen Land haben die Kolleginnen und Kollegen heute die klare Ansage gemacht: So nicht!“, sagte Gewerkschafts-Chefin Christiane Brenner. „Sie haben geackert, sie haben Zugeständnisse gemacht. Statt sich diese Leistung zum Vorbild zu nehmen, konfrontiert der Vorstand die Beschäftigten mit neuen Abbauplänen. Die Wut und Verunsicherung, die dadurch entsteht, ist verständlicherweise groß.“ Gestern fiel der Protest noch vergleichsweise klein aus. Die Gewerkschaft kündigte aber an, „den Druck in der zweiten Jahreshälfte notfalls weiter zu erhöhen, sollte der Vorstand an seinen Plänen festhalten“.
Den Auftakt der Proteste hatte am Morgen Osnabrück gemacht, wo sich etwa 70 Vertrauensleute und Betriebsräte nach IG-Metall-Angaben vor dem Werkstor versammelten.
In Ingolstadt versammelten sich nach Gewerkschaftsangaben am Audi-Stammsitz rund 250 bis 300 Menschen zu einem Flashmob. Wenn der Konzern glaube, der Belegschaft Abbaupläne über die Presse mitteilen zu können, sei dies die Antwort – und nur ein kleiner Vorgeschmack, sagte ein Sprecher.
In Zuffenhausen protestierten laut Gewerkschaft spontan 250 Porsche-Beschäftigte. Geplant war für sie eigentlich nur ein Autokorso in Stuttgart, an dem rund 200 Fahrzeuge teilnahmen.
Auch bei der Konzerntochter MAN in München waren Aktionen geplant, außerdem in Neckarsulm, Braunschweig, Stuttgart, Emden, Hannover, Kassel, Chemnitz, Dresden, Zwickau, Leipzig, Nürnberg und Salzgitter.
Die Lage im Aufsichtsrat ist kompliziert – und aus Sicht der Beschäftigten gar nicht mal so schlecht. Denn neben den Arbeitnehmervertretern hat sich auch das Land Niedersachsen bereits ablehnend zu den Plänen geäußert. Werksschließungen seien keine Zukunftsstrategie, so Niedersachsens Vize-Regierungschefin Julia Willie Hamburg (Grüne).
Das Land ist mit 20 Prozent an VW beteiligt, Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und dessen Stellvertreterin Willie Hamburg sitzen dort im Aufsichtsrat. Zusammen mit den zehn Arbeitnehmervertretern sind sie in der Mehrheit – derzeit sogar deutlich, denn einer der eigentlich zehn Sitze der Kapitaleigner ist unbesetzt.
Dass die Vorschläge des Vorstands unverändert eine Mehrheit finden, gilt daher als nahezu ausgeschlossen. Zudem sind Kampfabstimmungen im VW-Kontrollorgan bisher die absolute Ausnahme. In aller Regel wird diskutiert, bis sich alle Seiten einig sind.