DAS PORTRÄT
Mit offenem Ohr hinterm Steuer
Johann Kanter aus Ebersberg. © Stefan Rossmann
Für Johann Kanter endet eine Busfahrt nicht an der nächsten Haltestelle. Er kennt die Leute, die bei ihm einsteigen, grüßt sie und hört ihnen zu. „Ich mag den Umgang mit Menschen“, sagt der 45-Jährige. Im Bus treffe eben jeder auf jeden: „Vom Arbeitslosengeldbezieher bis zum Anzugträger, vom Schüler bis zum Rentner.“ 23 Jahre fährt Kanter inzwischen Bus. Den größten Teil davon auf der Linie 442 zwischen Grafing, Ebersberg, Kirchseeon und Eglharting. Viele Fahrgäste wurden zu Bekannten. Für sie war er einfach „der Hans“. Wiederholt wurde Kanter zu einem der 30 beliebtesten Busfahrer Deutschlands gewählt. „Wir sind unglaublich stolz auf Johann“, sagt Morten Bolsmann, Betriebsleiter bei Larcher Touristik in Markt Schwaben. „Er ist ein Glücksfall für unser Team und für unsere Fahrgäste.“
Dass sein Beruf einmal so aussehen würde, war nicht unbedingt absehbar. Nach der Schule machte Kanter eine Ausbildung zum Konditor. Doch das Busfahren könnte ihm schon früher gefallen haben, als er selbst wusste. „Es gibt ein Foto, da sitze ich als Einjähriger auf dem Schoß meines Papas auf dem Fahrersitz eines Busses.“ Mit 21 machte er den Führerschein für Lkw und Bus. Danach war die Entscheidung gefallen. Der Spritzbeutel blieb liegen, Kanter setzte sich ans Lenkrad.
Zum Beruf gehört für ihn auch das Zuhören. „Ich glaube, ich weiß von manch einer Frau mehr als ihr Ehemann“, sagt er und grinst. Auch seine Frau Steffi lernte Kanter auf der Linie 442 kennen. „Ich dachte mir: Die wäre echt hübsch, wenn sie ihre Mundwinkel nicht immer so nach unten ziehen würde.“ Also zog er beim Einsteigen eine Grimasse. Sie nahm es ihm offenbar nicht übel, manchmal fuhr sie sogar extra mit der 442. Seit sieben Jahren sind die beiden ein Paar. Mittlerweile sitzt Kanter etwas weniger im Linienbus, kümmert sich stattdessen ums Betriebshofmanagement. Zwei Touren fährt er aber weiterhin jeden Tag: Dann bringt er Schulkinder ans Ziel. Ganz kann er es doch nicht lassen.CHRISTIAN SCHÄFER