Lehrer überwältigten den Täter

Schulsanitäter Levi Lachmann (19): „Viele Schüler leisteten Erste Hilfe.“ © dpa

Kultusministerin Anna Stolz sagte bei ihrem Besuch in Schongau der Schulfamilie jegliche Unterstützung zu. © Herold

Der Schock steckt tief: Die Schüler wurden am Tag der Tat im Feuerwehrhaus registriert. © Herold

Schongau – Es ist ein surreales Bild, das sich gestern rund ums Schongauer Welfen-Gymnasium bietet: Polizeibeamte, Medienbusse, Kamerateams, die auf dem Lehrer-Parkplatz vor dem Schulzentrum versuchen, Schüler für einen Kommentar vor der Kamera abzupassen. Keine 24 Stunden sind zu diesem Zeitpunkt vergangen, seit ein 16-Jähriger zwei 13-jährige Mädchen mit einem Messer attackiert und sie mit mehreren Stichen in den Oberkörper schwer verletzt hatte.

Auf dem Schulgelände selbst wirkt es so, als wäre es ein ganz normaler Tag. Kinder und Jugendliche spielen und lachen auf den Wiesen. Ein Hauch von Alltag, während im Schulhaus Stille herrscht. Das Lehrer-Kollegium hat sich zu einer Krisen-Sitzung zusammengefunden.

Mittags trifft Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) am Schulzentrum ein. Mehrere Stunden führt sie Gespräche mit der Schulleitung, Lehrkräften und Elternvertretern, ehe sie vor die versammelte Presse tritt. Sie sichert der Schulfamilie „jede Unterstützung zu, die es braucht“, auch über das Schuljahr hinaus. „Denn es wird sehr viel Zeit und Kraft brauchen, diese unfassbare Tat aufzuarbeiten.“ Stolz bedankt sich bei den Einsatzkräften – und bei den beiden Lehrkräften, die den Täter ihr zufolge überwältigt hatten.

16-Jähriger war der Polizei bekannt

Es waren dramatische Minuten. Der 19-jährige Schulsanitäter Levi Lachmann schilderte gestern, wie er und andere Schüler sofort reagierten: „Die Ersten haben gleich Rettungskräfte und Polizei angerufen. Mitschüler von mir – ich hab auch gleich natürlich mitgeholfen – haben ihre Hemden und Shirts von sich gerissen, haben sie als Druckverbände benutzt, um die Blutungen zu stillen. Alles mit voller Kraft draufgedrückt.“ Anschließend holten er und weitere Schüler Sanitätssets aus ihren Autos und sterile Kompressen aus dem Sanitätsraum der Schule und versorgten die Wunden so, wie sie es in ihrer Ausbildung als Ersthelfer gelernt hatten. Auch Lehrkräfte eilten den Verletzten zu Hilfe.

Die Frage, die am Tag danach viele umtreibt: Wie hatte es so weit kommen können? Informationen unserer Zeitung zufolge handelt es sich bei dem Amokläufer um den ehemaligen Schüler des Welfengymnasiums, der seinen Mitschülern bereits im vergangenen Dezember angekündigt hatte, einen Amoklauf zu planen. Stefan Sonntag, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, bestätigt dies offiziell nicht.

Später am Nachmittag teilt das Präsidium mit, dass wegen zweier Vorfälle aus dem Jahr 2025 gegen den 16-Jährigen bei der Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren geführt wird. Er soll unter anderem Mitschüler bedroht und in Sozialen Netzwerken Amokläufe verherrlicht haben. Haftgründe lagen laut Polizei „zu keinem Zeitpunkt“ vor.

Der Täter ist kroatischer Staatsbürger und war in der Vergangenheit in psychiatrischer Behandlung gewesen. Der 16-Jährige soll zweimal kurzzeitig und befristet vom Unterricht ausgeschlossen worden sein. Nach zahlreichen intensiven Gesprächen zwischen Eltern, Lehrern und Schulpsychologen sei er dann von der Schule abgemeldet und an einer neuen Schule angemeldet worden. Dass es sich dabei um die Realschule Peißenberg handeln soll, möchte Sonntag auf Anfrage unserer Zeitung nicht bestätigen.

Viele Fragen sind auch offen, was den Tathergang anbelangt. Informationen unserer Zeitung zufolge wurden die beiden 13-jährigen Mädchen auf dem Weg, der vom Schulzentrum zum Volksfestplatz führt, vom Täter angegriffen.

Hatte sich der Täter zuvor auch im Schulhaus aufgehalten? Wie kam es zum Feueralarm, der in der sechsten Stunde vom Direktorat ausgelöst worden war? Oder hätte dieser Alarm eigentlich ein Amokalarm sein sollen? Antworten darauf gibt es am Donnerstag nicht. „Es ist die Aufgabe der Kriminalpolizei, den Tag zu rekonstruieren“, so Sonntag. „Wir sind noch nicht so weit, wir müssen viele Leute befragen. Und die Spurensicherung muss noch einiges vor Ort auswerten.“ Und auch, was das Motiv anbelangt, tappt die Polizei derzeit noch im Dunkeln. Einen am Mittwoch bei einer Pressekonferenz erwähnten vermeintlichen Liebeskummer kann Sonntag nicht bestätigen.

Am Donnerstag hat die Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen den 16-Jährigen wegen versuchten Mords in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung beantragt.

Samstag, 11. Juli 2026
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie das OVB ePaper in Top-Qualität und testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos und unverbindlich.