Grafing trauert um Bürgermeister Bauer
Übung und Ernstfall: Das kleine Bild zeigt Christian Bauer bei der Übung im Juli, das große Bild dokumentiert den tragischen Ernstfall am Dienstag. © Stefan Rossmann/Michael Seeholzer
Amtsantritt 2020: Christian Bauer bei seiner Vereidigung – die wegen Corona im Freien stattfand. © ROSSMANN
Ein Mann für die Menschen: Christian Bauer (57) war für die Grafinger Bürger immer erreichbar. © rossmann
Grafing – Vor dem Rathaus brennen Kerzen, Blumen liegen an der Schwelle zur schweren Holztür. An ihr hat jemand in aller Eile einen Zettel mit Klebefilm befestigt: „Das Rathaus bleibt heute geschlossen.“ Menschen bleiben davor stehen, schauen hinauf zu dem Gebäude, in dem am Dienstagabend noch ihr Bürgermeister saß. „Ich muss jetzt gehen, weil sonst fange ich an zu weinen“, sagte eine Frau im Gespräch mit unserer Zeitung.
In der ganzen Stadt herrscht Fassungslosigkeit: Bürgermeister Christian Bauer (57) hatte am frühen Dienstagabend eine Sitzung des städtischen Bauausschusses gerade eröffnet. Es war eine Sitzung wie viele andere. Dann plötzlich verlor der Bürgermeister das Bewusstsein und sackte leblos in sich zusammen. Stadträte versuchten sofort, ihn per Herzdruckmassage zu reanimieren, alarmierten den Rettungsdienst. First Responder und Notärzte waren binnen weniger Minuten vor Ort. Sie gaben dem bewusstlosen Rathauschef Infusionen und überprüften seine Vitalzeichen, während Herzdruckmassage und künstliche Beatmung weiterliefen.
Die Feuerwehr sperrte kurzzeitig den Marktplatz und barg den leblosen Bürgermeister schließlich über ein großes Rathausfenster. Tragisch: Die Retter wussten ganz genau, was zu tun ist, denn erst im Juli dieses Jahres war Bauer bei einer Feuerwehrübung über ebenjenes Fenster mit der Drehleiter aus dem Rathaus evakuiert worden – damals noch mit einem Lächeln im Gesicht. Er war sich eben für nichts zu schade und für jeden Spaß zu haben, der Bürgermeister Bauer.
Die verzweifelten Rettungsmaßnahmen liefen im Sanka weiter, doch auch im Klinikum Ebersberg München Ost konnten die Notfallmediziner Bauer nicht mehr retten. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos, der Grafinger Bürgermeister starb. Bauer hinterlässt eine Ehefrau, mit der er seit 1994 verheiratet ist, und drei erwachsene Kinder – und eine ganze Stadt in Schockstarre.
Die Nachricht vom Tod des beliebten CSU-Politikers verbreitete sich noch am Dienstagabend in der Stadt. Am Mittwochmorgen scheint die Sonne auf die Straßen Grafings, aber die Stimmung ist bedrückt. Im Café am Marktplatz, vor dem Rathaus, überall kennen die Leute nur ein trauriges Thema. „Heute steht Grafing still“, schreibt der Ebersberger CSU-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Thomas Huber.
Für die Grafinger kam der Tod ihres Bürgermeisters vollkommen überraschend. Offenbar hatte Christian Bauer erst kürzlich eine Lungenentzündung überstanden, wie aus CSU-Kreisen zu erfahren war. Doch hatte er sich wieder fit genug dafür gefühlt, die Sitzung zu leiten.
Dass er einmal Bürgermeister von Grafing werden würde, war Bauers Lebenslauf zunächst nicht anzusehen. Christian Bauer, Jahrgang 1969, wuchs in Freilassing im Landkreis Berchtesgadener Land auf. Nach dem Abitur 1989 absolvierte er eine Ausbildung zum Diplomverwaltungsfachwirt bei der Regierung von Oberbayern. Fünf Jahre arbeitete er in der Kreisbehörde Fürstenfeldbruck.
Dann führte ihn der Weg nach Grafing. Im Rathaus war die Stelle des Stadtkämmerers frei geworden. Bauer interessierte sich dafür – und schaute sich gemeinsam mit seiner Frau Andrea die Stadt zunächst heimlich an. Der Ort gefiel den beiden. Sie blieben.
23 Jahre später, 2020, entschied Bauer die Stichwahl gegen seine damalige Chefin, die amtierende Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne), für sich und die CSU. Im März dieses Jahres bestätigten ihn die Grafinger mit mehr als 60 Prozent der Stimmen. Bauer hatte also gerade seine zweite Amtszeit begonnen. Er hatte Pläne für die kommenden Jahre – politisch wie privat.
Sein Verständnis vom Amt hatte er einmal in einem Satz zusammengefasst: „Ich möchte Bürgermeister für alle Grafinger Bürgerinnen und Bürger sein.“ Das ist ihm offenbar gelungen. Christian Bauer war ein nahbares Stadtoberhaupt. Davon erzählen die vielen Reaktionen der Grafinger. „Er war für jeden ansprechbar und hat immer zugehört“, sagte eine Frau. Die Bürger der Stadt im Osten Münchens konnten ihn unkompliziert erreichen. Auf der Internetseite der Stadt stand sogar seine private Handynummer. Auch gestern noch.