Die Doktorbäuerin von Mariabrunn
Eine Büste von Amalie Hohenester. © Repro: Gebhard
Auch ein Kirchenfenster ist nach Amalie gestaltet. © ms
Florian Breitling, der heutige Besitzer des Schlossguts Mariabrunn, hält die Erinnerung an Amalie Hohenester hoch. © ms
Blick auf das Bad Mariabrunn heute: Hier wirkte Amalie Hohenester viele Jahre lang bis zu ihrem Tod. Das Bild unten zeigt Bad Mariabrunn um das Jahr 1900. © Marcus Schlaf
Amalie Hohenester um 1854: Sie war eine robuste Frau – was man auch ihrem Blick anmerkt. Ihre Anhänger pilgerten zu ihr, um ihre Leiden zu heilen. Im runden Bild unser Mit-Autor und Amalie-Experte Georg Gebhard. © Repro: Gebhard
Mariabrunn – Film, Funk und Fernsehen haben mit zahlreichen Beiträgen das abenteuerliche Leben der Amalie Hohenester erzählt, unzählige Laienbühnen hatten ihre Lebensgeschichte schon auf ihren Spielplänen. Am 6. Oktober 1826 um 3 Uhr früh erblickte Hohenester in Vaterstetten-Ottendichl das Licht der Welt. So steht es auf dem Taufschein, den das Archiv des Erzbistums München-Freising verwahrt. Kurioserweise sind die Angaben auf ihrem Grabstein, wonach sie erst 1827 geboren worden sein soll, falsch.
16 Jahre lang pilgerten Kranke zu ihr nach Mariabrunn im Landkreis Dachau. Und noch heute gibt es etliche, die sich Wasser aus der Quelle abzapfen. In einer Zeit, da Frauen nicht Medizin studieren konnten, war Amalie für viele die letzte Hoffnung. Zar Alexander II. von Russland, Kaiserin Sisi von Österreich, Baron Rothschild aus Frankreich und viele weitere Hochadlige, dazu etliche Generäle aus dem Baltikum, fanden sich angeblich in Mariabrunn ein.
Was ist wahr, was ist Legende? Der heutige Besitzer des Schlossguts Mariabrunn, Florian Breitling, hält die Erinnerung an Amalie Hohenester jedenfalls in Ehren. Ihn ärgern die „dümmlichen Übertreibungen“, die Amalie Hohenester in die Nähe einer Prostituierten rücken. „Da werden Märchen erzählt.“ Kaum erwähnt werde, dass Amalie einen Riesenbetrieb mit über 100 Angestellten hatte, und sie („und zwar vor der Bismarck’schen Sozialversicherung“) für das Wohlergehen ihrer Leute sorgte – auch wenn sie nicht mehr arbeiten konnten.
Schon ihr Großvater Johann Georg Huttler hatte eine tragische Biografie: Er floh vor den Franzosen aus der Pfalz nach Vaterstetten und erwarb dort ein 75 Tagwerk großes Bauernanwesen. Doch am 15. Oktober 1805 wurde er „außer dem Karls Tor in München wegen Spionage und Landesverrates“ von französischen Koalitionstruppen standrechtlich erschossen. Der dem österreichischen Kaiser ergebene frühere pfälzische Bürgermeister hatte kriegswichtige Militärplanungen der Franzosen an Österreich verraten.
Amalie oder Mali, wie man sie auch nannte, war das zwölfte von 14 Kindern der Eheleute Michael und Philippina Nonnenmacher. Der Familie wurden bald kriminelle Machenschaften nachgesagt. Nach dem Umzug nach Holzkirchen wurden ihre Raubzüge im ganzen Oberland bis über die Grenze zu Österreich bekannt und gefürchtet. In diesem anrüchigen Milieu wuchs auch Amalie auf.
Von ihrer Großmutter Elisabeth Huttler erlernte das Mädchen schon früh die heilende Wirkung von Naturkräutern, teilweise auch ihre berauschenden Effekte. Sie selbst sprach von „Naturdrogen“. Doch schon mit 14 Jahren machte sie auch Bekanntschaft mit der Justiz. Man sperrte sie in ein Arbeitshaus, wo sie erfolgreich erkrankte Gefängnisinsassen kuriert haben soll. Umtriebige Jahre führten sie danach bis nach Frankfurt, Nürnberg und Augsburg, bis sie 1857 in Deisenhofen den Sohn des dortigen Wagnerbauern kennenlernte. Die Heilkunst der Amalie sprach sich herum. Mit der Eisenbahn kamen aus München in der Zeit von 1858 bis 1860 zur „Doktorbäuerin“ waggonweise Patienten in das stille Hachinger Tal. Man sprach vom „Deisenhofener Rausch“.
Ende 1862 ging ein Traum in Erfüllung. Vom Bader und Chirurgen Bartholomäus Reichl erwarb das Ehepaar Hohenester ein heruntergewirtschaftetes Landgut im Bezirksamt Dachau: das Mineralbad Mariabrunn. Es war als Gesundbrunnen bekannt – an einem Mittwoch im Juli 1662 hatte der Holzhauer Stephan Schlairböck aus Ampermoching, der zufällig die Quelle entdeckt hatte, mit ein paar Schlucken angeblich einen hartnäckigen „Leibschaden“ auskuriert.
Dem Ruf der charismatischen Heilerin folgend pilgerten viele Menschen zur Doktorbäuerin. Manche Methoden waren etwas umstritten, etwa die berüchtigte Harnschau: Hohenester ließ sich Urinproben zeigen und deutete Verfärbungen und Partikel. Ihr Umgangston war robust, auch Adlige sprach sie mit „Du“ an. Medizinal-Behörden und Ärzten war sie verhasst. Mehrmals stand sie wegen „Kurpfuscherei“ vor Gericht, doch es blieb bei geringen Strafen.
Nach dem Erlass einer neuen Gewerbeordnung für das Königreich Bayern 1870 gab es kein Halten mehr. Das verschlafene Bauernbadl entwickelte sich zum namhaften Kurbad. Der Grundbesitz des Gutes konnte mit den Einnahmen vergrößert werden. Die 15 Tagwerke wuchsen auf 300 Hektar an. Teile davon befanden sich in den Gemeinden Röhrmoos, Schönbrunn, Ampermoching, Ottershausen und Haimhausen. Dank der neuen Gewerbefreiheit konnte sogar eine eigene Brauerei aufgezogen werden – das Mariabrunner Bier soll vorzüglich gewesen sein. Es war die wirtschaftliche Blütezeit des Landgutes.
Doch um 1877 machten sich bei Amalie Hohenester gesundheitliche Probleme bemerkbar, die den Kurbetrieb beeinträchtigten. Am Sonntag, 24. März 1878, frühmorgens um 1 Uhr schlief sie in Mariabrunn Nr. 1, ihrem Wohnhaus, friedlich ein. Zwei Tage später wurde sie unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beerdigt.