BÖRSENWOCHE
Es gibt gerade gute Zinsen
Der Stau bei den Öltankern treibt die Preise für Verbraucher. © Altaf Qadri/dpa
Die Renditen an den Anleihemärkten steigen seit einiger Zeit in geradezu erschreckender Geschwindigkeit. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren mit über 3,5 Prozent, US-Staatsanleihen haben die Marke von fünf Prozent übersprungen – fast ein 20-Jahres-Hoch. Bei kürzer laufenden Anleihen fiel der Renditeanstieg noch drastischer aus. Aus den Renditen von Anleihen lässt sich der erwartete Verlauf von Geldmarktzinsen, und somit des Leitzinses der Zentralbanken, ableiten. Stark vereinfacht gesprochen entspricht eine aktuelle Rendite von 3,25 Prozent über zwei Jahre dem Mittelwert der Geldmarktzinsen über den gleichen Zeitraum. Da der Startpunkt beim aktuellen Leitzins bei 2,5 Prozent liegt, würde dies bei einem linearen Verlauf einem Endpunkt von vier Prozent entsprechen. Da wohl kaum von einem linearen Verlauf auszugehen ist, dürfte das etwas übertrieben sein, aber je nach angenommenem Zinspfad müsste die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins mindestens auf 3,5 Prozent hochschleusen, damit der mittlere Geldmarktzins mit der Rendite zweijähriger Anleihen korrespondiert.
Wieso muss die Zentralbank überhaupt an der Zinsschraube drehen, wenn doch aktuell die Energiepreise hauptverantwortlich für den Anstieg der Inflationsrate sind? Eine Zinsanhebung der EZB wird die Straße von Hormus nicht öffnen und so zu sinkenden Ölpreisen führen. Die Zinserhöhungen sind daher vielmehr als Signal an Wirtschaftsakteure und Finanzmärkte zu verstehen. Bisher weisen keine Indikatoren darauf hin, dass die steigenden Energiekosten bereits zu einem Preisanstieg auf breiter Front führen, geschweige denn sich in steigenden Löhnen widerspiegeln. Doch das Risiko einer derartigen Überwälzung steigt natürlich im Zeitablauf. Die aktuelle Nachrichtenlage legt nahe, dass mit einer Entspannung am Ölmarkt nicht mehr vor den US-Zwischenwahlen Anfang November zu rechnen ist. Dennoch halten wir es für unwahrscheinlich, dass die EZB den Leitzins wieder in den Bereich von 3,5 Prozent oder höher anheben wird. Damit scheint auch das Renditeniveau beispielsweise zweijähriger Anleihen übertrieben. Für Anleger könnte das eine gute Gelegenheit darstellen, Geld zu aktuellen Konditionen für die nächsten zwei Jahre anzulegen.