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Wenn aus Wahnsinn geniale Musik entsteht

Pianistin Yume Hanusch und Sprecher Michael Atzinger freuen sich über den Applaus. Klaus Bovers

Pianistin Yume Hanusch und Sprecher Michael Atzinger freuen sich über den Applaus. Klaus Bovers

Konzertlesung mit Sprecher Michael Atzinger und Pianistin Yume Hanusch in der Villa Sawallisch

Klaus Bovers

Grassau – Wenn Komponisten an Grenzen stoßen, kann Geniales entstehen. Doch als Bedingung für geniales Musikschaffen taugen psychische Grenzen, gesellschaftliche Hindernisse und andere Ausnahmesituationen eher weniger. Bei der Konzertlesung zu „Genie und Wahnsinn“ ging es um ein Leben „neben der Spur“, wie es der Programmzettel formulierte – und darum, wie dabei trotzdem große Musik entstehen kann. Und das sogar bei großen Namen, was für viele Zuhörer eine Überraschung gewesen sein mag.

Michael Atzinger, als Radiomoderator bei BR-Klassik bekannt, las und rezitierte aus der Literatur. Die Pianistin Yume Hanusch spielte die dazu ausgesuchten Stücke. Damit die raffinierte Dramaturgie ihre volle Wirkung entfalten konnte, bat Hausherr Andreas Baumgartner, mit dem Applaus bis zur Pause zu warten. Auch wenn es manchen schwerfiel, beim emotional und auch sonst absolut überzeugenden Klavierspiel von Yume Hanusch.

Mozart, Beethoven, Schumann, Chopin und Rachmaninov spielten an diesem Abend die Hauptrollen, doch auch deren Zeitgenossen kamen in Atzingers Textauswahl ins Spiel. Der Verriss seiner ersten Symphonie ließ den übersensiblen Rachmaninov als Komponisten für Jahre verstummen, Chopin litt an einer Heimweh-Dauerkrise, Robert Schumann war permanent selbstmordgefährdet, Beethovens zunehmende Taubheit belastete ihn schwer und Mozart wäre nach heutigen Maßstäben ein Fall für den Psychiater gewesen, so wie sein Tourette-Syndrom immer wieder mal durchbrach. Aber – und das ist wohl die Lehre aus dieser genial inszenierten Konzertlesung – die kreative Kraft in jedem von ihnen war stärker als alle Hindernisse, auch wenn sie nicht ohne Einfluss auf ihr Schaffen waren. Die Beispiele dafür kamen am Klavier jeweils im richtigen Moment stimmig zum Klingen, was dann die großen Momente für Yume Hanusch waren, die mit müheloser Leichtigkeit manche Seltenheit und auch viel gern Gehörtes präsentierte.

Eine kleine Auswahl: Klaviersonate F-Dur KV 332 von Mozart, Rachmaninovs Élegie op. 3 No.1, Schumanns Träumereien oder Chopins Ballade f-Moll op. 52. Auch Johannes Brahms war mit seiner Ballade op. No.1 zu hören. Er trat in der Lesung als Kreativ-Hindernis auf. Die Passage stammte aus Ingvar H. Lundqvists Buch „Wie man ein Genie tötet“: Als Jurymitglied bei der Vergabe eines Staatsstipendiums habe Johannes Brahms den jungen österreichischen Komponisten Hans Rott öffentlich so brutal abgelehnt, dass der hochbegabte, aber labile Schüler von Anton Bruckner in der Psychiatrie gelandet sei. Mit John Cage, dessen Vorliebe für Magic Mushrooms legendär war, wurde zur Abwechslung ein Ausflug in die Moderne gewagt. Für das Stück „A Room for prepared piano“ aus dem Jahr 1943 konnte man dabei zuschauen, wie Yume Hanusch mit allerlei Fremdkörpern die Saiten des Steinways präparierte, während Michael Atzinger interessante Details über John Cage und seine psychedelischen Neigungen zum Besten gab.

Anschließend erklang machtvoll der „große Tröster“ Johann Sebastian Bach, wie ihn Albert Schweitzer genannt hat. Zu hören war Wilhelm Kempffs Variante des „Largo“ aus Bachs Klavierkonzert f-Moll, eingeleitet mit wunderbar erhellenden Sätzen aus Lars Gustafssons Buch „Die Stille der Welt vor Bach“.

Das Publikum, wenn auch leider nur ein kleiner Kreis, war gebannt und dankbar für diesen lehr- und genussreichen Abend. Atzinger kündigte zum Schluss an, mit Hanusch – und zwar nur mit ihr – ähnliche Projekte zu planen. In der Villa werden die beiden damit willkommen sein.

Freitag, 2. Oktober 2026
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