Kinderzimmer statt Klassenraum

von Redaktion

„Mir fehlt die Schule schon“: So erlebt Marlene Riediger (10) den Unterricht zu Hause

Kolbermoor – Seit Wochen steht Marlene Riedigers (10) Schulranzen verwaist in der Ecke. Seit Wochen sitzt sie alleine vor ihren Matheaufgaben. Klar, in Corona-Zeiten sind die Schulen geschlossen, gelernt wird zu Hause. Jedes Kind für sich – vom Erstklässler bis zum Abiturienten.

Marlene besucht die fünfte Klasse der Wilhelm-Leibl-Realschule in Bad Aibling. Eigentlich klingelt ihr Wecker morgens um 6.15 Uhr, um 6.55 Uhr steigt sie in den Schulbus. Aber derzeit ist alles anders: Marlene wacht zwischen 7 und 8 Uhr auf, dann wird gemeinsam gefrühstückt. Um 9 Uhr setzt sie sich an den Schreibtisch oder auf ihr Bett – und dann beginnt die Schule. Marlene sagt: „Dann mache ich meine Hausaufgaben“.

Drei Aufgaben
pro Fach und Tag

Jeden Tag bekommt sie pro Fach drei Aufgaben, die sie am nächsten Tag fertig haben muss. „Ganz schön stressig“, sagt die Zehnjährige. Aufgaben bekommt sie in den Fächern Deutsch, Mathe, Englisch, Biologie, Geografie und Religion –„mein Lieblingsfach“, sagt sie. Eigentlich ist das Sport.

Wenn sie etwas nicht weiß, googelt sie im Internet oder fragt ihre Eltern. Ist sie mit den einzelnen Aufgaben fertig, fotografiert sie die Zettel ab und schickt sie an den jeweiligen Lehrer. „Das dient ausschließlich der Kontrolle“, sagt Papa Matthias Riediger. Und kommt sie voran? „Ja, aber soviel wie in der Schule lerne ich nicht“, sagt die Fünftklässlerin, deren Vater sie als „durchschnittlich gute Schülerin“ bezeichnet, die „aufmerksam, konzentriert und ruhig arbeitet, wie die Lehrerin das beschreibt“, so Vater Riediger. „Die Gruppendynamik fehlt, der positive Druck“, findet er. Sie als Eltern seien natürlich hinterher, dass es läuft. Aber: „Man kennt es ja, wenn die Eltern etwas wollen“, sagt er und lacht. Deshalb ziehen sie in Betracht, ihre Tochter nach den Sommerferien zurückzustellen. „Dann kann sie die fünfte Klasse noch mal machen. Es fehlen schon jetzt fünf Wochen Unterricht. Und später vielleicht die Basis“, sind die Kolbermoorer überzeugt. Marlene weiß nicht genau, wie sie das finden soll. Aber sie hat ja auch noch Zeit.

Marlene schreibt
selbst Geschichten

Indes vermisst sie die Schule – „manchmal ja und manchmal nein“. Aber ihre Freundinnen, die sie sonst jeden Tag in der Schule sieht, fehlen ihr auf jeden Fall. Drei von ihnen wohnen in Au, eine in Kolbermoor. Die Mädels haben derzeit ausschließlich übers Handy Kontakt oder sie chatten im Netz. Anders geht es ja nicht.

Und in ihrer Freizeit spielt Marlene mit Hund Luna, liest „Die Schule der magischen Tiere“ oder „Gregs Tagebuch“. Außerdem schreibt sie eigene Geschichten: „Die vier Coolen“, erzählt sie. Sie sei schon auf Seite acht. Und das Thema? „Sie sind cool, gehen in die Schule.“

Da geht Marlene derzeit nicht hin – und wer weiß, wie lange es noch dauern wird, bis die Schulen ihre Türen für alle Klassen wieder öffnen. Eins steht auf jeden Fall fest: „Hoffentlich dauert es nicht noch bis zu den Sommerferien.“

Artikel 5 von 8